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 Verwirrte Hirten

CNA-Meldung vom 08. Januar 2002:
Was Alle Jahre wieder werden an Weihnachten und Neujahr große Reden gehalten, über die dann die Presse berichtet, wenn es sich um Redner handelt, die man für bedeutsam hält. Neben Politikern in Amt und Würden wird diese Ehre auch Kirchenführern zuteil. Zwar sind deren Gotteshäuser während des Jahres weitgehend leer; doch am 24. Dezember versuchen viele ihre Weihnachtsstimmung durch den Besuch einer nächtlichen Christmette aufzubessern. Die Oberhirten sehen plötzlich wieder Volk um sich versammelt und nutzen die Gelegenheit zu hehren Worten:
Von der Friedensbotschaft Jesu ist da gern die Rede. Sie sei sogar "unersetzlich", verkündete der Mainzer Kardinal Lehmann, der zugleich als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz fungiert. Recht hat er. Doch was tat er, als es vor wenigen Wochen um Krieg und Frieden ging? Verständnis müsse man auch für Waffengewalt haben, meinte der oberste Katholik Deutschlands. Und einige seiner Kollegen fügten hinzu, dass der Einsatz von Waffengewalt moralisch sogar geboten sei. Was würden diese Bischöfe wohl sagen, wenn sie unter ihren Zuhörern plötzlich Jesus von Nazareth entdecken würden? Würden sie dann auch noch vollmundig von ihren Kanzeln tönen, Jesu Botschaft sei unersetzlich, aber wenn es denn nicht anders geht, seien eben auch Bomben erlaubt!?
Der Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Manfred Kock, bedauerte, dass alles wieder in die alten Gleise zurückgekehrt sei und statt für Gerechtigkeit und Überwindung des Elends zu kämpfen, gewöhne man sich daran, einen mit militärischer Gewalt erzielten "kurzfristigen Erfolg für ausreichend zu halten". Recht hat er. Doch was hat die Synode der EKD bei Kriegsbeginn beschlossen? Ein laues sowohl als auch - wir sind natürlich für den Frieden, aber auch für Waffengewalt. Was von dieser Art von Christentum zu halten ist, ist in der Johannes-Offenbarung nachzulesen: "Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus Meinem Munde." (Offb.3, 16).
Interessant war auch, was dem Erzkatholiken Lehmann zum Gespräch zwischen den Religionen einfiel. Dieses bekomme nur dann "Würze und Stärke", wie er sagte, wenn jede Gemeinschaft ihren ganzen Reichtum einbringe. Oft werde in nichtchristlichen Religionen "einmalig Schönes und absurd Grausames" miteinander verbunden bis hin zum Töten im Namen Gottes, sagte Lehmann. Haben wir da recht gehört - vom "Töten im Namen Gottes" in "nichtchristlichen Religionen"? Hat der Theologe seine eigene Bibel inzwischen völlig verdrängt, das sogenannte Alte Testament, das im römisch-katholischen Katechismus als unaufhebbarer Bestandteil des Glaubens und unmittelbar als von Gott inspiriert gilt? Finden sich dort nicht immer wieder Passagen, in denen angeblich Gott Sein Volk oder den einen oder anderen Gottesboten dazu aufruft, zu töten, ja ganze Massaker unter Nachbarvölkern anzurichten? An Blutrünstigkeit lässt sich die Bibel, auf die die Kirchenchristen schwören, von niemandem übertreffen.
Wie tröstlich ist es da, dass die Bischöfin Käßmann aus Hamburg dazu aufruft, Feindbilder abzubauen. Recht hat sie. Doch was tut sie, wenn die sogenannten Sektenbeauftragten ihrer Kirche Andersgläubige im eigenen Land jahraus jahrein auf übelste Weise diffamieren? Welch' ein Glück, dass bei Gottesdiensten Zwischenrufe nicht erlaubt sind!
Ihre Bischofskollegin Jepsen aus Hannover gab in der Weihnachtsausgabe der Zeit den Rat, der Jugend Gott wie eine Droge zu vermitteln. Der Allerhöchste als Rauschmittel und Religion als Opium für's Volk? - wie Karl Marx bereits höhnte. Pharmazie statt Theologie? Vielleicht wird ja "high" noch zur Abkürzung von "heilig".
Der ratlose Gottsucher wendet sich ab. Vielleicht kommt er bei so viel oberhirtlicher Verwirrung endlich auf den Gedanken, dass er Gott weder im Tabernakel Karl Lehmanns noch in der Apotheke Maria Jepsens, sondern in seinem Inneren findet, in seinem göttlichen Selbst, auf dem Urgrund seiner unsterblichen Seele, als das Licht, das ihn und die ganze Welt durchströmt, unsichtbar, aber unauslöschbar und jederzeit erreichbar für den, der sich der Gegenwart Gottes bewusst ist.
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