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 Der Staat und das Kruzifix

CNA-Meldung vom 15. Januar 2002:
Was In Bayerns staatlichen Schulen hängen in den Klassenzimmern Kreuze - meist mit einem holzgeschnitzten Corpus des gemarterten Jesus von Nazareth. Vor einigen Jahren führte dies zu einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die Deutschland erschütterte: Die Verfassungsrichter befanden, dass die staatliche Anordnung in Schul- und Klassenzimmern Kreuze anzubringen, mit dem Verfassungsgebot staatlicher Neutralität in Sachen Religion und Weltanschauung nicht vereinbar sei. Schüler und deren Eltern, die sich dadurch in ihrer Religionsfreiheit beeinträchtigt fühlen, können deshalb verlangen, dass sie nicht unter dem Kreuz unterrichtet werden. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Vor allem Politiker, deren Parteien sich "christlich" nennen, ohne dass man sonst allzu viel davon merkt, legten plötzlich wortstarke Bekenntnisse für das Symbol des Gekreuzigten ab. Manche forderten sogar zum Widerstand gegen diese Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts auf.
Dabei führte der Richterspruch ja keineswegs dazu, dass alle Kreuze nun entfernt werden mussten; lediglich dort, wo Anders-gläubige gegen die Verbindung von staatlicher Schulpflicht und christlichen Symbolen wehrten, war das Kreuz zu entfernen. Um das klarzustellen, verabschiedete der Bayerische Landtag sogar ein spezielles Gesetz.
Seither war es ruhig und die "christlichen" Politiker des Landes mussten sich nicht weiter "christlich" erregen. Bis nun ein Lehrer die Sache erneut aufs Tapet brachte: Als er das kärglich ausgestattete Klassenzimmer seiner Schüler mit selbstgeschreinerten Regalen ausstattete, blieb sein Blick an dem Kreuz mit dem Corpus hängen, und es ging ihm der Gedanke durch den Kopf, was von diesem Bildnis denn für Impulse für die Schüler ausgingen. "Das kann nix Positives sein", dachte Lehrer Riggemann, wie er der Süddeutschen Zeitung berichtete. Er nahm das Kreuz ab; nach einiger Zeit hing er es auf Wunsch der Kinder wieder auf, weil der Religionslehrer gesagt hatte, das Kreuz würde ihnen bei ihren Schularbeiten helfen; schließlich hing er es wieder ab, weil er zu dem Ergebnis kam, er solle konsequent sein.
Die Sache kam schließlich vor Gericht, wo der Pädagoge deutlich wurde: "Das Kreuz ist ein Angriff auf meine Religionsfreiheit". Mit dem Kreuz habe sich das Christentum die "grausamste Art der Hinrichtung" zum Symbol gegeben. Im Zeichen des Kreuzes seien seit der Kreuzigung Jesu 13 Millionen Juden ermordet worden. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof, der diesmal zu entscheiden hatte, gab dem Lehrer recht: Die Schule muss das Kreuz in seinem Klassenzimmer abhängen.
Interessant ist die Biografie dieses Mannes: Mit 6 Jahren war er Ministrant geworden; mit 10 in ein Ordensgymnasium eingetreten; nach dem Abitur begann er im Priesterseminar ein Theologiestudium. "Ich habe einfach einen Sinn gesucht", sagt er heute, aber er fand ihn dort nicht, und stieg schließlich von der Theologie auf die Pädagogik um.
Konrad Riggemann ist nicht der erste, der an dem toten Mann am Kreuz Anstoß nahm: War der Gekreuzigte nicht längst auferstanden? Warum versucht man Sein Karfreitagsleiden durch das Kruzifix zu verewigen anstatt die Osterfreude und das das Auferstehungskreuz ohne Corpus zum Symbol zu machen? Ist den Kirchen, die diesem Kruzifixkult huldigen, der tote Jesus lieber als der Auferstandene? Hätten wir uns nicht längst an diese grausame Symbolik gewöhnt, würden wir uns vermutlich entsetzt abwenden.
Weil das Gericht dem couragierten Lehrer recht gab, kam es bei den Politikern, die sich christlich nennen, wieder zu christlichen Wutausbrüchen: Der Generalsekretär der Christlich Sozialen Union empfahl dem Lehrer, den staatlichen Schuldienst zu verlassen. Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier, ebenfalls Mitglied der Christlich Sozialen Union, bezeichnete die Berufung des Lehrers auf seine Grundrechte "als negatives Beispiel" und geht nicht davon aus, "dass andere bayerische Lehrer eine ähnliche abstruse Deutung des christlichen Kreuzessymbols so rücksichtslos durchsetzen wollen, wie es hier geschehen ist." Die Ministerin scheint von Kirchengeschichte wenig zu halten, von den verfassungsmäßigen Rechten ihrer Lehrer ganz zu schweigen.
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