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  Ein junger Mensch mit vielen Fragen – auf der Suche nach der Wahrheit.

Vor Jahren kam ein junger Mensch auf mich zu, der die ersten Schritte ins selbständige Erwachsenenleben tat, der viele, sehr viele Fragen und einen unbändigen Drang nach Unabhängigkeit im Denken und Leben hatte, ähnlich wie ich als Jugendliche. In diesem Gabriele-Brief möchte ich ihn Jochen nennen.
Nachdem wir ausgemacht hatten, einander mit du anzureden, kam ein aktuelles Ereignis zur Sprache, über das die Medien berichtet hatten und das wieder einmal zu Besorgnis Anlaß gab. Daran knüpfte sich ein längeres Gespräch an, das ich im Folgenden sinngemäß wiedergebe. Jochen, ein offenbar allseits interessierter junger Mann, legte engagiert seine Ansichten dar:
„Wenn man die Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen genau verfolgt, dann sieht man doch, wohin es mit der Welt geht: Jeder ist gegen jeden. Jedes Jahr gibt es mehr Katastrophen. In der Dritten Welt breitet sich der Hunger aus – Menschen haben kaum oder nichts mehr zu essen. Viele kleine Kinder sind unterernährt, ein großer Teil von ihnen verhungert. Die Krankheit AIDS breitet sich wie eine Seuche aus. Die Ärzte können zahlreiche Krankheiten nicht mehr diagnostizieren. Die Klimaveränderung bringt Hitze, Kälte, Regengüsse, die zu erheblichen Überschwemmungen führen.
Surft man im Internet, dann stellt man fest, daß sich das Chaos ausbreitet. Das Internet ist eine Quelle, in der sich Chaoten tummeln. Dort wird Unmögliches und Abseitiges en masse angeboten. Wer nicht charakterlich einigermaßen standfest ist, kann sich da leicht infizieren und auf die schiefe Bahn geraten.
Im Internet ist, wie es scheint, alles erlaubt. Z.B. stellt sich die Neonazi-Szene, die in den USA nicht verboten ist, groß dar und macht Propaganda für ihre Anschauungen. Man kann im Internet auch alle möglichen Waffen bestellen: Es haben sich auf diesem Weg auch schon Menschen mit kannibalistischen Ambitionen getroffen, zum Zwecke der Ausübung ihrer speziellen Vorlieben. Die abartigsten sexuellen Praktiken werden massenhaft dargestellt, inklusive Anleitung zur Sodomie. Wer gerne tötet und sich dabei noch besonders groß fühlen möchte, kann per Internet aussuchen, in welchem exotischen Teil der Erde er z.B. bei einer Großwildjagd einen Braunbären, Löwen, Elefanten, Büffel, Elch oder Leoparden abknallen möchte. Und demjenigen, der an gar nichts mehr Gefallen findet, bietet das Internet detaillierte Anleitung, wie er seinem Leben ein Ende bereiten kann.
Wer weiß, vielleicht wird dort sogar gezeigt, wie man einen Mord plant?“, sagte Jochen. „Aber die Anleitung zum Mord ist ja ohnehin schon lange den diversen Kriminalromanen und -filmen zu entnehmen, spezielle Möglichkeiten zur Entladung aggressiver Potentiale ‚am lebenden Objekt’ ebenfalls. Das kriminelle Repertoire ist bereits vielfältig und leicht zugänglich, würde ich sagen.“
Nun wandte sich der junge Mann direkt an mich: „Gabriele, ich weiß, daß du seit vielen Jahren den Menschen die höhere Ethik und Moral näherbringst. Das allein ist schon außerordentlich dankenswert angesichts der Talsohle, die ethisch-moralische Werte – letztlich weltweit – erreicht haben. Und man sagt, daß sich durch dich Gott und Jesus offenbaren.
Bei allem Respekt vor deiner ‘sprichwörtlichen’ Weisheit – du wirst mir hoffentlich verzeihen: In Anbetracht der desolaten Weltlage habe ich gewisse Zweifel. Ich kann an die Existenz Gottes nicht glauben. Und sollte es Gott geben, dann hat Er, wie mir scheint, den Überblick verloren. Oder Er beachtet das ganze Treiben nicht. Vielleicht interessiert Ihn das nicht?“
Als er mich nun fragend und ein bißchen unsicher anschaute, beruhigte ich ihn: „Lieber junger Freund, sprich nur frei von der Leber weg! Unlängst habe ich junge Menschen mit Wildpferden verglichen. Es ist nur natürlich, daß diese eine forsche Gangart bevorzugen – mir gefällt das. Also: Nur zu!“
Sichtlich erleichtert fuhr Jochen fort: „Das ist gut. Danke. Du kannst ja mit mir auch über alles reden. Ich bin schon vor längerer Zeit aus der angeblich ‚christlichen’ Kirche ausgetreten, weil die Zugehörigkeit zu dieser Institution und ihre Vereinnahmung bis ins Denken hinein mich nicht weitergebracht, mir eher den klaren Blick verstellt hat für das, was wirklich abläuft.
Ungeachtet der alarmierenden Zustände weltweit machen die Kirchen weiter wie bisher, so, als wenn die Welt mehr und mehr gesunden würde. Außerdem sind sie milliardenschwer, was darauf schließen läßt, daß ihnen der Reichtum wichtiger ist als die Ärmsten der Armen in der Dritten Welt. Und im Staatsapparat waltet auch alles andere als die höhere Ethik und Moral, obwohl schöne Worte genug gemacht werden. Hört man die Funktionäre in der Regierung oder in der Opposition so reden, dann erkennt man, ohne viel nachzudenken, daß sie sich untereinander spinnefeind sind. Jeder ist gegen jeden, und jeder sägt am Stuhlbein des anderen. Meines Erachtens wird nicht mehr regiert, sondern nur noch taktiert, was zu Beschlüssen führt, die dem Volk mehr schaden als nützen.“
Sinngemäß sprach Jochen weiter: „Wohin man auch schaut – es ist einfach nichts mehr in Ordnung, und es wird immer schlimmer statt besser. Das ist auch im persönlichen Lebensbereich so: Sowohl in meinem Freundeskreis als auch in meiner Familie, im Verwandten- und Bekanntenkreis denkt doch jeder nur für sich und spricht nur von sich. Es gibt keine produktiven Gespräche mehr. Entweder redet man gegen den anderen, oder man streitet mit dem anderen oder vertieft sich in die Fernsehkiste, vor allem dann, wenn es ein Kriminalfilm ist, in dem es sich um Mord und Totschlag dreht; es muß immer Action sein. Oder man hört sich das Kriegsgeschrei mancher Politiker an oder deren scheinheilige Erklärungen über das Nicht-Mitmachen bei einem Krieg. Hinter den Kulissen werden dann die Seilschaften unterstützt, die Kriege befürworten. Gabriele, ich kann das wirklich nicht mit dem Bild eines Gottes in Übereinstimmung bringen, der gut sein soll, gerecht sein soll, dessen Wille geschehen soll, der allwissend und allmächtig sein soll. Vielleicht kannst du mir da weiterhelfen und ein wenig Licht in mein Dunkel bringen! Ich muß es noch einmal sagen: Entweder gibt es keinen Gott, oder Gott schaut diesem Treiben teilnahmslos zu. Und dann wüßte ich auch, was ich von Ihm zu halten habe! – Ähm, hmm“, räusperte sich Jochen und fragte schnell: „Gabriele, kannst du mir erklären, was von Gott zu halten ist?“
Ich konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren. Diese Gedankengänge kamen mir doch sehr, sehr bekannt vor, und Jochens kompromißlose Denkweise bereitete mir Vergnügen.
„Deine Empörung verstehe ich gut“, sagte ich zu ihm. „Sie zeigt aber auch, daß dir weder das Treiben in der Welt noch Gott gleichgültig ist. Würdest du an Gott nicht glauben, dann stündest du dem Treiben in der Welt eher gelassen gegenüber. Du ärgerst dich zwar über Gott, wirfst Ihm einiges vor, z.B. daß Er nicht eingreift – man nennt das dann ‚Zweifel an Gott haben’ -, aber diese Art von Zweifeln heißt noch lange nicht, daß du an Gottes Existenz nicht glaubst.“
Ich erzählte ihm mit wenigen Worten, daß ich als Schulmädchen sehr aufmüpfig war und ähnlich dachte wie er. „Auch ich zweifelte an Gottes Existenz. Ich forschte und fragte, denn ich wollte unbedingt wissen, ob es Gott gibt, ob es ein Leben nach diesem Erdenleben gibt. Heute denke ich, daß dieses Fragen und Forschen letzten Endes ein Ringen um Wahrheit und Klarheit ist. Dem liegt der Wunsch unserer Seele, unseres ewigen Wesens, zugrunde, wieder zu dem zu werden, was jeder von uns seit Ewigkeit ist und in Ewigkeit sein wird: das lichte, rein geistige Wesen, der Sohn bzw. die Tochter des Allerhöchsten.“
Jochen hörte ruhig zu, sagte jedoch nichts, so daß ich fortfuhr: „Auch ich hatte in meiner Jugend viele, viele Fragen. Leider mußte ich Jahre, viele Jahre warten, bis ich darauf Antwort bekam. Für unser weiteres Gespräch möchte ich vorweg sagen, daß ich ein freier Mensch bin, der seinen Mitmenschen die Freiheit läßt und sie zu nichts überreden und von nichts überzeugen möchte, auch nicht, was den Glauben an Gott betrifft. So weit, wie es mir möglich ist, will ich dir gern auf deine Fragen Antwort geben. Meine Antworten sollen nur zum Nachdenken anregen. Wie du darüber denkst oder dich gar entscheidest, das bleibt ausschließlich dir überlassen.
Ich meinerseits glaube nicht nur, daß Gott existiert – ich weiß, daß es Gott gibt. Ich habe kein Studium der Philosophie, die verschiedenen Religionen habe ich auch nicht studiert. Als ein einfacher Mensch war ich viele Jahre auf der Suche nach Gott. Gott führte mich, so, wie Er jeden Menschen führt, der sich von Ihm führen läßt. Er führte mich zu Menschen, die mir auf meinem Weg zu Gott weiterhalfen, indem sie mir ermöglichten, weitere Erkenntnisse zu gewinnen – über mich selbst, über Gott und die Welt. Als ich begriffen hatte, daß Gott im eigenen Inneren zu suchen und zu finden ist und daß es darum geht, die guten Erkenntnisse in die Tat umzusetzen, konnte Er mir immer spürbarer nahe sein.
Ich ging dann in die Schule des Geistes. Der Ewige gab mir Weisheiten über Weisheiten. Er schulte mich, Sein Wort zu empfangen, um es weiterzugeben, eine Aufgabe, die von Gott für mich vorgesehen war. Nun bin ich nahezu 30 Jahre lang Sein Sprachrohr. Ich vernehme Sein heiliges Wort in mir.
In diesen nahezu 30 Jahren hat Er mich nie im Stich gelassen. Er war immer gleichsam an meiner Seite und ist an meiner Seite. Ich habe Vertrauen erlangt. Aus dem Vertrauen wuchs die Gewißheit, daß Gott gegenwärtig ist.“
Jochen fragte: „Ja, wer ist und wie ist denn Gott? Ich würde mich freuen, wenn ich darüber mehr wüßte!“ Ich antwortete ihm: „Der große Geist ist nicht der Kirchengott. Er ist der allmächtige Gott, der Schöpfer des Alls und der Naturreiche. Gott ist Lebenskraft. Gott ist Energie. Seine Energie ist allgegenwärtig. Er schuf die Unendlichkeit, wir sagen den Himmel und die Erde. Die Erde ist für die gefallenen Wesen, die sich von Gott abgewendet haben, um ‘ihr eigenes Reich’ aufzubauen. Über Jahrtausende haben sie es versucht; das Resultat ist diese Welt, ein Chaos, wohin man blickt.
Wie du schon sagst: Jeder ist gegen jeden. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer, die Nichtachtung, die Ichbezogenheit – das alles ist der Sumpfboden, der Kriege, Totschlag und Mord ausbrütet. Die Lebenskraft, die Energie ist, wird vergeudet, auch die Energien der Erde. Trotz alledem hat der Ewige die Wege so angelegt, daß sich jede Seele irgendwann aus dem Tümpel Welt erhebt und mit Christus zum Vater, zu ihrem Ursprung, zurückkehrt.“
„Das hört sich vernünftig an“, meinte Jochen nachdenklich. „Sprich weiter! Für die Energiefrage habe ich mich schon immer interessiert. Dazu habe ich einen Bezug.“ Ich nickte ihm zu und fuhr fort: „Glaubst du, daß Gott, auf Dauer gesehen, Seine Schöpfungsenergien vergeuden, gleichsam verschleudern läßt? Keine Energie geht verloren. Wenn es zur Zeit auch so scheinen mag, als wäre alles Gute dem Untergang und Zerfall geweiht – glaubst du, daß ein Gott, der in allem das Leben ist, Formen schafft, wie z.B. den Menschen, die Tiere, Pflanzen und Steine, auch das sichtbare Weltall, die Sonnen und Planeten, und dann vom Menschen alles zunichte machen läßt? Es gibt kein Nichts. Nichts kann aufgelöst oder gar zunichte gemacht werden. Gott zerstört nicht. Gott wandelt alles in höheres Leben um.“
Jochen unterbrach mich: „Die Darwinsche Lehre besagt, daß der Mensch nach einem stufenweisen Entwicklungsprozeß aus einem Einzeller hervorgegangen ist. Vielleicht entwickelt er sich jetzt wieder zurück zu einem Einzeller und löst sich in Nichts auf?“
„O nein“, gab ich zur Antwort. „Der Gegenspieler Gottes, auch die Finsternis oder Gegensatzkräfte genannt, hatte zwar in großem Stil etwas annähernd Ähnliches vor wie das, was du soeben angedeutet hast, aber Christus, der Mitregent der Himmel, hat diesen gottlosen Plan vereitelt. Doch das steht auf einem anderen Blatt.“
Ich nahm den Faden wieder auf: „Wir Menschen spielen uns auf, als wären wir Götter. In Wirklichkeit vermögen wir nichts. Warum haben Bäume, Sträucher, Blumen eine so ausgeklügelte Konstruktion, die Wind und Wetter standhält, einen kunstvollen Aufbau, den der Mensch nicht nachbauen kann? Woher kommt diese wunderbare Konstruktion? Weder vom Menschen noch durch das Mutations- oder Selektionsprinzip der Darwinschen Lehre. Warum sind die Formen der Natur so geschaffen, daß sie in Verbindung mit den Elementen Sonne, Wasser und Luft aus der Erde genau die Lebensstoffe nehmen können, die sie für ihr Wachstum, für die Bildung von Blatt, Blüte und Frucht brauchen? Kommt das alles aus dem Einzeller oder gar aus einer ‘chaotischen Ursuppe’ von Atomen und Molekülen, oder ist eine höhere Macht am Werk, die wir Gott nennen?“
Jochen sagte: „Das ist interessant. Gerade über die Natur habe ich mir viele Gedanken gemacht. Wenn man die mächtigen Bäume betrachtet, z.B. eine Eiche oder eine Buche – eigentlich hat jeder Baum einen genialen Bauplan. Die Rinde eines Baumes ist quasi ihr Schutzmantel. Vor einiger Zeit habe ich die Rinde eines Baumes aufgeschnitten, und der Saft lief heraus wie aus einer aufgeschlitzten Lebensader. Dadurch wurde mir bewußt, daß unmittelbar unter der Rinde die Lebensadern des Baumes laufen, die den Erd-Lebenssaft zur Krone transportieren. Das sagte mir: Die Bäume – auch die Sträucher, die Pflanzen, eigentlich alle pflanzlichen Naturgebilde – werden von der Erde her mit Lebenskraft versorgt.“
Ich sprach weiter: „Und dann erst der Mensch! Glaubst du, Jochen, daß ganz von allein ein Mensch entsteht, ein menschlicher Organismus, eine solch wunderbare Körperkonstruktion, daß alle Organe, jede Zelle, sämtliche Lebensfunktionen präzise auf das genaueste aufeinander abgestimmt sind und immerfort mit allem Notwendigen versorgt werden? Kann das alles aus einem Einzeller kommen? Kann das Nichts – wenn es das überhaupt gibt – aus sich, also aus dem Nichts heraus, all das hervorbringen und entfalten – oder ist der Mensch geschaffen worden? Und von wem? Die Grundsubstanz aller Lebensformen – ob Mensch, Pflanze oder Tier, ja bis hin zum Stein – ist das Leben. Was ist Leben? Ist Leben eine Formel? Ist die Wiege allen Lebens ein Einzeller? Und woher kommt dann dieser? Ist Leben begrenzt, oder ist Leben unbegrenzt?“
Jochen war eine Bewegung anzumerken. Dann sagte er, und seine Augen blitzten: „Wenn ich auch nicht alles verstehen und einordnen kann – bin ich froh, daß ich dir wenigstens folgen kann! Was du sagst, erscheint mir alles so klar und einleuchtend. Ich bin schon gespannt, was du mir weiter vermitteln wirst. – Was also ist Leben?“ Ich setzte meine Rede fort:
„In den nahezu 30 Jahren habe ich erfahren und erlebt, was mir zur Gewißheit wurde: Das Leben ist allgegenwärtig und zeitlich nicht begrenzt. Es ist ewig. Das Leben kann nicht zerstört, nicht getötet und nicht verändert werden. Das Leben ist die positive Kraft des Alls, die in allen und in allem ist. In der ganzen Unendlichkeit, im sichtbaren und im unsichtbaren Universum, wirkt die energetische Grundsubstanz, die Ur-Substanz, das Leben. Und das Leben ist Gott.
Du lebst, ich lebe – alles, was wir sehen, beinhaltet das Leben. Das Leben ist unzerstörbar, und somit ist auch unser wahres Wesen unzerstörbar.“
Mit einem Mal fragte Jochen mißtrauisch: „Muß ich das jetzt glauben? Erfassen kann ich es nämlich nicht vollständig, das merke ich. Aber sonderbar – es begeistert mich irgendwie.“
Ich erwiderte: „O nein! Du mußt nichts von dem glauben, was ich sage. Wenn du möchtest, kannst du irgendwann darüber nachdenken. Wenn du möchtest, auch über die eine Aussage: Das Leben ist in dir, es ist Gott, die All-Kraft, die sich in mannigfachen Formen offenbart. Gott ist somit immer gegenwärtig. Wer mit wachen Augen und Sinnen über die Erde geht, der findet Gott, das Leben, in jeder Blume, in jedem Strauch, in jedem Tier, aber auch in jedem Menschen. Ich sagte: i n jedem Menschen. Denn jeder Mensch hat eine Seele, die umhüllt ist von dem materiellen Gebilde Mensch, dem irdischen Körper, dessen geniale Ausgestaltung zeigt, was das Kräftegefüge des ewigen Geistes auch in der Dichte, in der Grobstofflichkeit, zu vollbringen vermag. Die Hülle der Seele ist also der Mensch. Die Materie ist die Hülle, in der das Leben, die kosmische Energie, wirkt, die wir Gott nennen. Was wir sehen, ist die materielle Hülle, in der das Leben wirkt.
Zum Beispiel heißt es von alters her: Der Mensch soll das Ebenbild Gottes sein. Das bedeutet, daß ...“ Weiter kam ich nicht, denn Jochen erhob abwehrend die Hand. „Stop, bitte! Gabriele, hier hakt’s bei mir. Das mit ‚Gottes Ebenbild’ habe ich nie begriffen! Ich glaube, ich muß noch einmal die ganze Bibel von vorne bis hinten durchlesen, wie ich es schon einmal tat, um die Wahrheit zu finden. Da steht nämlich irgendwo, daß der Mensch Gottes Ebenbild ist, wenn ich mich recht entsinne.“
„Zur Wahrheitsfindung ist die Lektüre der Bibel nur sehr bedingt empfehlenswert“, entgegnete ich. „Sie enthält wohl noch Wahrheit, gleich das wahre Wort Gottes, aber sehr vieles ist verfälscht, so daß Wahrheit neben Unwahrheit vorhanden ist. Oder kannst du immer sicher unterscheiden: Wo ist Wahrheit, wo ist Lüge?“
„Das stimmt natürlich auch wieder“, bestätigte Jochen. „Unser Religionslehrer im Gymnasium zeigte uns immer wieder auf, daß diese und jene Aussage als fragwürdig angesehen werden muß und die Forschung längst herausgefunden hat, daß es ursprünglich anders gelautet haben muß. Man kann klar nachweisen, daß da irgendwelche Strömungen am Werke waren – und teilweise auch, welche –, so daß von Wahrheit insgesamt doch nicht die Rede sein kann.“
Jochen dachte nach: „Man kann fast den Eindruck gewinnen, da hätte jemand Interesse daran gehabt, die Wahrheit Gottes bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen und letztlich aus der Welt zu schaffen.“ Erneut war nachdenkliches Schweigen, bis Jochen weitersprach:
„Eigentlich ist das ganz schön perfide und raffiniert eingefädelt. Wenn einer von vornherein behauptet, Weiß sei Schwarz, so merkt jeder, daß das eine Lüge ist, und schert sich nicht mehr darum. Sagt aber einer: ‚Ja, unter bestimmten Voraussetzungen ist Weiß sehr wohl ein bißchen Schwarz’ – da wird der, der das hört, doch unsicher. Und wenn diesem noch beteuert wird, andere hätten diesbezüglich den Einblick, Durchblick und die höhere Einsicht, die aber ein Geheimnis sei, dann versetzt das den einfachen Menschen mit seinem gesunden Menschenverstand in große Hilflosigkeit. Er weiß nicht mehr, was er eigentlich glauben und für wahr halten soll, und beugt sich womöglich denen, die aus angeblicher ‚Vollmacht von oben’ heraus erklären, daß die ‚Widersprüche’ in ‚Gottes Geheimnissen’ begründet seien. Er sitzt dann kläglich da, muß seinen Verstand wohl oder übel in die Ecke stellen und akzeptiert schließlich alles, was ihm von den angeblichen Beauftragten und Dienern Gottes zu glauben zugemutet wird. – So wird aus Weiß am Ende Schwarz gemacht.“
Jochen erhob sich jetzt von seinem Stuhl: „So eine Unverschämtheit!“ platzte es aus ihm heraus. „Sie denken, sie können das mit ihren Gläubigen so machen. Mit mir jedenfalls nicht! –
Entschuldige bitte, Gabriele“, sagte er nun und setzte sich wieder hin. „Mir wird gerade klar, was da seit Jahrtausenden gespielt wird. Und vielen konnten sie das aufdrücken, weil sie mit mörderischen Mitteln ihren Macht- und Glaubens-Hoheitsanspruch gewaltsam durchgesetzt haben. Wer ihnen nicht glaubte, war eben ein ‚Ketzer’ und wurde umgebracht. Heute spricht man von ‚Sekten’ und bringt mit üblen Verleumdungen Menschen in Verruf, die, bei Licht besehen, nichts als Wahrheitssucher sind, die in den Spuren des Jesus von Nazareth gehen und Seiner wahren Lehre folgen wollen.
Gabriele, verzeih, daß ich mich so aufrege. Ich bin froh, daß ich mal mit jemandem über alles reden kann, der versteht, wie ich es meine. Gabriele, du nimmst mir meine verbalen Ausfälle doch bitte nicht übel?“
Ich beruhigte ihn: „Lieber Jochen, du gibst dich wenigstens nicht – wie so viele – mit dem Ausverkauf der Wahrheit Gottes zufrieden, sondern rebellierst. Das unvoreingenommene Hinterfragen dessen, was durch Manipulation, Suggestion, Indoktrination und Machtanwendung so viele Menschen in Irrtum, Abhängigkeit und Vernebelung hält, ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit, zu Klarheit und Wahrheit zu gelangen.
Ich nehme dir gar nichts übel. Im Gegenteil. Dein Engagement zeigt, daß dir Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit ein Herzensanliegen sind.“
„Danke“, sagte Jochen und kam zu seiner Ausgangsfrage zurück: „Wie ist das nun mit dem Ebenbild Gottes? Die Erde ist voller Menschen – sind das alles die Ebenbilder, von denen du sprachst?“
„Das Ebenbild Gottes“, so erläuterte ich, „ist nicht der Mensch als solcher, also die irdische, materielle Lebensform, sondern das Ebenbild Gottes ist das geistige Wesen, das, gleichsam eingekerkert, in seiner Seele wohnt. Es soll durch ein lauteres, gottgefälliges Leben wieder entfaltet werden, so daß es schließlich auch die Hülle, den Menschen, durchstrahlt.
‚Der Mensch soll Gottes Ebenbild sein’ bedeutet also, daß der Mensch Gottes Willen erkennen und tun soll und somit gut werden soll, wie Gott ist, also Gutes denken, reden und tun soll, um allmählich eins zu werden mit Gott, seinem ewigen Vater.“
Jochen schwieg verdutzt einen Augenblick und schaute ein wenig unglücklich drein: „Ach, Gabriele, darunter kann ich mir augenblicklich nicht viel vorstellen. Ob ich eins werden möchte mit Gott, weiß ich nicht. Wozu sollte ich? Und ob ich Gottes Willen erkennen möchte, um ihn zu tun, bin ich mir, ehrlich gesagt, auch noch nicht sicher. Wer weiß, was Sein Wille so alles beinhaltet? Hmm. – Du sagtest: ‚Gutes denken, reden und tun.’ Das sind aber hohe Ansprüche. Ich finde, du greifst zu hoch mit deinen Antworten.“
Ich entgegnete: „Jochen, du bist intelligent, du hast ein illusionsloses Weltbild und hast Gedanken, die in eine ganz bestimmte Richtung gehen. Du fragst im Grunde: Gibt es Gott – was heißt: Gibt es ein ewiges Leben? Denke in einer ruhigen Stunde darüber nach, dann wirst du so manches verstehen. Laß alles in deinem Herzen nachschwingen und warte, bis du aus der Tiefe deiner Seele Antwort erhältst.
Lieber Jochen, viele Menschen, ja immer mehr Menschen zweifeln an der Existenz Gottes. Es gibt immer mehr ‚Atheisten’. Doch gerade sie sind im Herzen oft lebendig und empfänglich für die ewige Wahrheit. Wenn man mit ihnen spricht, erfährt man: Sie lehnen nur den Kirchengott ab, aber nicht ein übergeordnetes, alles umfassendes und durchdringendes Energiefeld, eine geniale und einzigartige Intelligenz.“
„’Energiefeld’ ist gut, damit kann ich etwas anfangen“, warf Jochen ein. Das Stichwort griff ich sogleich auf: „Lieber Jochen, letztlich ist alles Energie. Gott ist die Quelle der schönsten, reinsten Energie, die auch als Strahlkraft, als Licht, als Leben, als ewiger Geist bezeichnet werden kann.
Die göttliche Energie ist strömendes Licht. Aus dieser hohen und reinen Kraft (= Energie) schuf Gott Formen, Wesen, die Sein Leben tragen. Zunächst gab Er Sich selbst die Form: Gott-Vater, die leuchtende, herrliche Lichtgestalt, das höchste Geistwesen der Unendlichkeit. Dann schuf Er Seine Söhne und Töchter, die Seine Lichtkraft, Sein göttliches Leben, Sein Wesen und Seine Eigenschaften verkörpern. Deshalb sagen wir, daß die Geistwesen der Himmel Gottes Ebenbilder sind. Diese geistigen Wesen leben ewig.
Auch als Mensch sind wir tief in unserem Inneren das unsterbliche Wesen aus Gott.
Das Ebenbild Gottes ist also in unserer Seele und diese ist im Menschen. Das Innerste unserer Seele ist unser wahres, ewiges Sein. Die Hülle, der Mensch, hat sich von Gott abgewendet, weil er gegen die Einheit, gegen das Leben verstoßen hat und täglich mehr verstößt. Wer sich gegen das Leben wendet, also gegen sein wahres, ewiges Wesen, das im Seelengrund angesiedelt ist, der schafft sein persönliches Bild, das nicht Gottes Ebenbild ist, sondern dem entspricht, wie der Mensch, die menschliche Person, denkt, redet und handelt. Durch alle Zuwiderhandlungen gegen Gott, gegen die Einheit, zu der der ganze Kosmos gehört, jedes Tier, jede Pflanze und jeder Stein, zeichnet der Mensch seine Körperform. Mit der Zeit entspricht dann das Aussehen des Menschen seiner Denkwelt.“
„Das habe ich schon beobachtet“, warf Jochen ein. „Wenn einer ständig an anderen etwas auszusetzen hat, herumnörgelt und unzufrieden ist, bekommt er mit der Zeit einen ganz verbitterten und mißmutigen Gesichtsausdruck. Manch einer ist dann richtig abstoßend anzuschauen. Klar: Seine Gedanken prägen ihn. – Meinst du das in dieser Richtung, Gabriele?“
„So ist es“, bestätigte ich und fuhr fort: „Trotz der unzähligen Zuwiderhandlungen des Menschen gegen Gott bleibt das innere Wesen, das Ebenbild Gottes im Menschen, rein, unzerstörbar und somit unvergänglich. Gott ist und bleibt der Schöpfer und Erhalter des Lebens ewiglich. Der Mensch bekam von Gott für seinen Erdenweg einen Verstand mit, um die Dinge, die um ihn sind, verstehen zu lernen, auch um zu lernen, mit seinen Mitmenschen Verständnis zu haben, sie zu verstehen.
Um die Weisheit Gottes nur ein wenig zu verstehen, also zu erfassen, braucht man auch das inwendige Herz, den himmlischen Pulsschlag der Seele. Damit ist nicht der Herzmuskel gemeint, sondern ein feines Gefühl, das unser Gewissen lenkt. Die meisten Menschen haben jedoch nur ihren Verstand getrimmt. Damit urteilen und richten sie. Mit der Zeit wurde der Verstand zum Komplizen der Habgier, gleich einem ‚Geier“, der nur sich selbst sieht und nur sein eigenes Wohl im Auge hat. Damit hat der Mensch sich gegenüber dem Verständnis und dem Verstehen verschlossen. Er benützt vielfach seinen Verstand für unwichtige Dinge, anstatt das Große des genialen Baumeisters, Gott, zu verstehen, der das Leben ist und das Leben gibt.
Lieber Jochen, so mancher denkt viel über Gott nach, der das Leben ist. Er analysiert auch den Menschen und findet selten Gutes an ihm. Das Gehirn des Menschen ist nicht trainiert, daher liegen viele Gehirnzellen brach. Das ganze Erdendasein eines Menschen verläuft Jahr für Jahr in Schmalspurbahnen, im einspurigen Denken, Reden und Handeln. Wie du schon sagtest: Jeder denkt nur an sich, und jeder will nur für sich – der andere ist ihm gleichgültig. Immer wieder vollziehen sich die Abläufe nach dem gleichen Schema, immer die gleichen und ähnlichen Gedanken und Worte – materiebezogen, weltbezogen, ichbezogen, intellektuell. Die Realität des Geistes, die alles durchwebt, wird ausgeklammert. Auch das Verhalten des Menschen ist vielfach von diesem veräußerlichten Denken und Reden geprägt. Das hat mit Leben nichts zu tun. Es ist bloßes Vegetieren. Das ist u.a. auch der Grund für die Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit, was das Denken und Forschen und das tiefere Suchen nach Gott betrifft.
Wissenschaftler glauben, sie könnten Leben schaffen. Wenige denken darüber nach, daß sie ohne die Grundsubstanz des Lebens keine Lebensformen schaffen können. Der Mensch kann töten, aber nicht Leben schaffen. Was kann er? Er kann die Lebewesen, die äußere Form des Lebens, z.B. die Tiere, töten. Er tötet Menschen, zerstört die Natur und malträtiert den Planeten Erde. Irgendwann tritt eine Wende ein, denn so, wie der Mensch heute nun mal ist, kann er auf Dauer nicht existieren und wird so vom Geist Gottes, der das Leben auch auf der Erde ist, nicht mehr getragen werden.
Der Mensch, generell gesehen, hat sich weit von Gott entfernt. Mit seinen primitiven Denkschablonen hat er auch sein Gewissen abgetötet. Aufgrund seiner Gewissenlosigkeit zerstört er, was ihm im Weg steht, um das, was er ‚Leben’ nennt, ungehindert auskosten und ausleben zu können.“
Jochen sagte: „Vor einigen Wochen war ich auf einer Beerdigung. Was der Priester alles über den Tod und das Leben gesagt hat, kam mir so flach vor; es ist, so denke ich, eine Salbaderei, die kein normal Denkender glauben kann. Am Grab wird über die Liebe Gottes gesprochen und im Gottesdienst von der Sünde, der Todsünde und sogar von der ewigen Verdammnis. Nach der kirchlichen Lehre gibt es verschiedene Orte, wo die Seelen nach ihrem Leibestod hingeschoben werden. Davon spricht der Pfarrer am Grab nicht. Es heißt nur, die Seele lebe ewig weiter. Gott habe sie zu sich genommen. In den Predigten der Kirche spricht man vom Fegefeuer und von der Hölle. Das alles paßt nicht zusammen. Man kann kein klares Bild daraus gewinnen. – Gabriele, wohin geht denn nun die Seele des Verstorbenen?“
„Lieber Jochen, weder ein Pfarrer noch ein Priester kann dir sagen, wohin die Seele eines Hingeschiedenen nach ihrem Leibestod geht, weil jede Seele gemäß ihrem Lebenswandel von demjenigen Planeten angezogen wird, von der Ebene in der Unendlichkeit, wo ihre Eingaben gespeichert sind, die sie nach dem Hinscheiden ihres Leibes unmittelbar anziehen.
Durch das Ablegen der Leibeshülle ändert sich für die Seele nichts. Schuld bleibt; Schwächen und Verhaltensfehler bleiben; Abhängigkeiten bleiben; Bindungen bleiben – es ändert sich für diesen Menschen, diese Seele einzig der Aggregatzustand. Die Seele wird durch den sogenannten Tod nicht frei, wenn der Mensch im Inneren unfrei war. Die Fesseln, die der Mensch während seines Erdenlebens nicht abgestreift hat, sind auch ‚drüben’ der Kerker der Seele, nur weitaus spürbarer und nur sehr schwer abzulegen. Sehr oft ziehen sie die Seele wieder ins Erdenkleid, in eine weitere Inkarnation.
Doch eines ist gewiß: Das Leben währt ewig, und keine Lebensform hört jemals auf zu bestehen. Es gibt keinen Tod, sondern einzig die Veränderung der Lebensform. Auch gibt es keine Todsünde und keine ewige Verdammnis, weil Gott nicht bindet, sondern befreit. In Gott und somit in der ganzen Unendlichkeit gibt es kein Gebundensein und somit auch keinen Ort, der Hölle genannt wird. Nur der Mensch bindet und schafft Orte des Grauens. Der Ort der Hölle ist die Vorstellung des Menschen, die er von seinem bösartigen Wunschdenken ableitet. Die Hölle und die Höllenqualen schafft der Mensch selbst, an seinem eigenen Körper und in seinem Schicksal, durch seine Zuwiderhandlungen gegen das Leben, weil er nicht verstehen will, was Liebe, Einheit und Freiheit bedeuten und daß Gott gut ist.
Wenn wir die heutige Welt betrachten, so könnte man annehmen, daß diese Welt die Hölle sei, weil viele Menschen – und das immer mehr – Höllenqualen erleiden. Aber auch hier, auf der Erde, ist nicht die Hölle. Gerade auf Erden sollen wir unsere Zuwiderhandlungen gegen das Leben erkennen, und zwar mit der Hilfe des Geistes, indem wir unser erkanntes Gegensätzliches bereuen, bereinigen und nicht mehr tun. Das ist der Weg zum Leben, und das ist die Befreiung von dem Gedanken an Tod, Todsünde oder gar ewige Verdammnis. Also ist die Erde im Grunde eine Stätte der Gnade Gottes und jeder Tag des Menschenlebens eine unwiederbringliche Chance.“ „Damit muß ich mich wohl erst ein wenig mehr befassen“, meinte Jochen.
Er äußerte sich, die Säuglingstaufe sei so eine Sache, mit der er auch nicht einverstanden ist. Und er fragte mich: „Haben auch deine Eltern dich als unmündiges Kind in die Kirche hineintaufen lassen? Wurdest du katholisch oder lutherisch getauft? Was ist von der Taufe zu halten?“
Meine Antwort lautete: „Ich wurde im Säuglingsalter katholisch getauft. Schon als Schulmädchen habe ich gegen meine Taufe protestiert. Gerade mit der Frage nach der Taufe habe ich meine Eltern in Erklärungsnöte gebracht, denn meine Mutter sagte sinngemäß: ‚Du bist getauft, und somit hast du das Himmelreich erlangt.’ Ich lehnte mich innerlich dagegen auf, daß ich nicht frei hatte entscheiden können, ob ich getauft werden wollte oder nicht. Aber alles hat auch seine positive Seite: Die Tatsache, getauft worden zu sein, war für mich später, als ich erwachsen war, ein wesentlicher Anlaß, über alles, was ich bis zu meinem Kirchenaustritt erlebte und was ich gelesen habe – auch hinsichtlich der Taufe –, nachzudenken.
In diesem Zusammenhang ist aufschlußreich, was im Matthäus-Evangelium (3,11) zu lesen ist. Vielleicht können auch dir in dem folgenden Text Johannes der Täufer und Jesus Antwort geben. Johannes der Täufer taufte am Jordan, und er taufte mit Wasser. Er taufte zum einen meist nur Erwachsene und zum anderen nur jene Menschen, die aus freien Stücken zu ihm kamen, also von ihm getauft werden wollten. Bei Matthäus (3, 11) steht:
‚Der Täufer Johannes sprach: »Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.«’ Und in Kapitel 1, Vers 8 heißt es: ‚Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem heiligen Geist taufen.’
Denke, und überlege, und triff selbst deine Entscheidung! Die Priester oder Pfarrer in der evangelischen und in der katholischen Kirche taufen nicht die Erwachsenen mit dem Geist des Lebens, mit dem Heiligen Geist. Bis zum heutigen Tag taufen sie mit Wasser und noch dazu Säuglinge, die allemal nicht die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden. Für mich heißt das, daß weder die Priester noch die Pfarrer den Heiligen Geist in sich zur Entfaltung gebracht haben. Zum einen, weil sie mit Wasser taufen, zum anderen, weil sie die Menschen nicht frei entscheiden lassen, wie es Johannes der Täufer tat. Mit der Wassertaufe wird der Mensch, bevor er zu denken vermag, in ihre kirchliche Institution hineinrekrutiert, um ihn dann mit theologischen Fachsimpeleien, was und wer Gott ist und wie man Gott zu begegnen hat, zu indoktrinieren.
Doch Jesus wollte – und das bewies Er selbst am Jordan, denn Er ließ sich von Johannes taufen –, daß der Mensch zuerst das Evangelium des Inneren Lebens empfangen soll, und so er Gottes Willen erfüllt, wird er zu der Zeit, die Gott will, mit dem Geist der Wahrheit getauft werden, mit dem inneren Feuer des Lebens, so daß er eins wird mit dem großen Licht, das in uns allen wohnt.
Lieber Jochen, entscheide frei! Das Gesetz des Ewigen ist Freiheit. Jeder soll, vor allem auch hinsichtlich Religion, frei denken und frei entscheiden können.“
Jochen sagte: „Ich bin dankbar, daß du von der Freiheit sprichst. Also willst du mich doch nicht für deinen Glauben gewinnen.“
Ich lachte. „Hast du das befürchtet? O nein, nicht für meinen Glauben möchte ich dich gewinnen. Ich möchte dich für Gott gewinnen! Denn wer sich an Menschen bindet, der ist an Menschen gebunden, sowohl der eine als auch jeweils der andere. So, wie ich dich nicht an mich binden will, will ich auch mich nicht an dich binden. Ich binde mich an keinen Menschen.
Hin und wieder fühle ich mich wie Johannes in der Wüste, allerdings in der Wüste Welt, um die Menschen anzusprechen, sie zu rufen, Gottes Willen zu erkennen, Seinen Willen zu tun, so daß sie mit Christus auf den Weg gelangen zur ewigen Heimat, zu Gott, unserem Vater, in das Reich Gottes, das als Essenz und Kraft in unserer Seele angesiedelt ist.“
Die Zeit war vorangeschritten. Unser Gespräch hatte sich ausführlicher gestaltet, als ursprünglich angenommen.
Als wir uns für heute voneinander verabschiedeten, sah ich Jochen an, daß das Gehörte in ihm arbeitete und ihm sicher einiges weitere Nachdenken bescheren würde. Er bedankte sich herzlich, und, das war zu merken, er meinte es ehrlich.
„Lieber junger Freund“, gab ich ihm mit auf den Weg, „du wirst nun einiges zu denken und zu überlegen haben. Vergiß nicht: Du bist frei! Finde deinen eigenen inneren Standort. Wenn du möchtest, können wir uns gern ein weiteres Mal zu einem Gespräch treffen. Oder auch nicht – ganz wie du möchtest! Triff deine Entscheidung.
Gott mit dir!“
Es blieb nicht bei dem einen Zusammentreffen. Im Folgenden gebe ich den weiteren Dialog – wie den vorigen – so wieder, wie ich ihn in der Erinnerung, in meinem Herzen, bewahrt habe.
Als wir nach etwa drei Wochen wieder beisammensaßen, sagte Jochen: „Weißt du, Gabriele, vieles von dem, was du mir voriges Mal gesagt hast, habe ich derweil in mir bewegt, und ich muß sagen: Es hat mich bewegt.
Alles in allem scheint mir: Wie du es darlegst, ist es eine ganz andere Sichtweise als die übliche, und ich möchte mich, wie ich gemerkt habe, gerne darauf einlassen. Was du sagst, ist so logisch und in sich schlüssig! Mir kommt es vor, als müßte ich lernen, alles von einer anderen, quasi neuen Warte aus zu betrachten – ich würde sagen, von der Warte der immanenten Energie aus, des Lebens, das in allem ist, von dem du sagst, daß es Gott ist, der ewige Geist.
Und, Gabriele, etwas Sonderbares ist mir geschehen! Die letzten Worte, die du zu mir sprachst, sind enorm in mir nachgeschwungen, sie lauteten: ‚Gott mit dir!’ Sie haben in mir manches ausgelöst – ich kann’s gar nicht richtig ausdrücken: wie ein Gefühl von Geborgenheit in mir. Jedenfalls haben sie mir sowohl beim Sortieren meiner Gedanken in stillen Abendstunden geholfen als auch beim Umgang mit meinen Mitmenschen, denn ich dachte: Wenn Gott mit mir ist, so ist Er logischerweise auch mit jedem von ihnen. Das hat meine Beziehung zu einigen von ihnen verändert und in der Folge mein Verhalten. Ganz von allein kam das. Dadurch habe ich mich immer sicherer gefühlt. Wenn man bedenkt: Drei Worte nur – Gott mit dir! –, was die bewirken können!“
„So ist unser Gespräch schon von daher nicht umsonst gewesen“, erwiderte ich. „Wir können davon ausgehen, daß Gott mit uns war. Wenn du möchtest, lassen wir folgende Worte auch über dem heutigen Gespräch stehen: Gott mit uns! – Was meinst du dazu?“ Jochen antwortete: „Das macht mir Mut, denn ich habe noch viele Fragen.“ Er sprach: „Nachdem du vor drei Wochen doch einiges über Gott – den wahren Gott – gesagt hast, habe ich über Ihn nachgedacht. Aber bevor ich diesbezüglich zu irgendeinem Schluß kommen kann, muß ich noch einige Fragen loswerden, die sich im Laufe der Zeit in mir aufgestaut hatten und noch bestehen. Wenn du erlaubst, trage ich sie dir mal vor:
Alle Vorsteher ihrer Religion sprechen von Gott. Jede Religion hat andere kirchliche Bräuche, Riten und Zeremonien und auch unterschiedliche Lehren über Gott und Jesus. Jeder Vorsteher seiner Kirche hat eine dementsprechende, besondere Tracht. Nun frage ich dich, Gabriele: Will Gott die unterschiedlichen Religionen, die Verschiedenheiten in der Anbetung? Will Er von jeder Religion anders verehrt werden? Du sagtest, Gott vergeudet keine Energie. Ist das keine Energievergeudung, wenn jede Religion andere zeremonielle Abläufe hat und jeder Vorsteher wieder anders gekleidet ist und so viele unterschiedliche Meßgewänder trägt? Das alles kann ich nicht verstehen! Und will Gott tatsächlich, daß die Vorsteher, die Priester, Pfarrer, Bischöfe, Kardinäle und der Papst Seiner Kirche sich anders kleiden als das Volk?“
Jochen stutzte plötzlich: „Nanu“, wunderte er sich, „während ich soeben sprach, merkte ich selbst, daß ich – wie ehedem – Gott ‚Seine Kirche’ zugeordnet habe, obwohl ich doch in unserem vorigen Gespräch selbst zu der Feststellung gekommen war, daß die kirchlich vermittelte Lehre mit der göttlichen Wahrheit nicht das Geringste zu tun hat. – Gabriele, verstehst du das? Ich habe das Gefühl, als wenn ich mal ‚hü’ und mal ‚hott’ denke.“
„Das verstehe ich durchaus“, erwiderte ich. „Die Denkmuster sind gleichsam eingefleischt. Aber ich würde sagen, du sprichst erst mal all das aus dir heraus, was sich an ‚Zündstoff’ in dir angesammelt hat. Sprich weiter, wenn du magst.“
Und Jochen fuhr fort: „Die ‚heilige’ Messe, die vor allem an hohen Feiertagen zelebriert wird, ist geradezu ein Pomp und eine Pracht – wie sie abgehalten wird und in welchem Rahmen. Viele sogenannte Gotteshäuser sind Luxus pur. Ist Gott so unbescheiden? Verlangt Er das?
Als ich noch jünger war und an hohen Feiertagen die sogenannte Heilige Messe besuchte, dachte ich: Wenn Gott das alles verlangt, dann bin ich ganz schön neben der Kappe, und alle anderen Gläubigen auch, die Ihm im luxuriösen Dom oder gar im vatikanischen Prunk die Ehre erweisen.“
„Diesen deinen Formulierungen entnehme ich, daß dir im Grunde schon klar ist, daß dies nicht der Wille Gottes, des All-Einen, sein kann“, warf ich ein. „Doch sprich nur weiter.“
Das tat er: „Offenbar sind die hineingetauften Gläubigen nur das Volk, das die Kirche braucht, um die Kirchenstühle vollzubekommen. Gleichzeitig dachte ich: Überall stehen Opferstöcke, die auch wiederum vom Kirchenvolk gefüllt werden sollen. Meine Beobachtung ging weiter: Selten opfert ein Reicher. Und wenn er Geld in den Opferstock wirft, dann ist es meist auch nicht viel mehr, als der gibt, der kein großes Vermögen besitzt.“
Ich mußte lachen, weil ich mich immer wieder in meine Schulmädchenzeit zurückversetzt fühlte, als ich Ähnliches dachte und Ähnliches beobachtet hatte. So sagte ich zu Jochen: „Du beobachtest gut. Als Schulmädchen habe ich des öfteren gedacht: Was Gott wohl alles mit diesem Geld macht? – Heute weißt du und weiß auch ich, wo dieses Geld hinfließt.“
Weil Jochen eine Weile schwieg, erläuterte ich: „Gott ist die Freiheit. Die Opferstöcke in der Kirche symbolisieren für mich Zwang. Sie machten mir als jungem Mädchen Angst, denn, so dachte ich, wer nicht opfert, der könnte unter Umständen nach kirchlicher Lehrmeinung in das Fegefeuer oder gar in die ewige Verdammnis geworfen werden.“
„O je, die ewige Verdammnis!“ rief Jochen aus. „Weißt du, als kleiner Junge hat mir die angebliche ewige Verdammnis nichts ausgemacht. Mein Vater und meine Mutter waren liebevolle Eltern, die ihren Sohn mit dergleichen sicherlich nicht beunruhigen wollten. Aber dann kam ich in die Schule. Bei einer Rauferei auf dem Schulhof habe ich hin und wieder dem, der mit mir gerauft hatte, einen Kinnhaken erteilt, so daß seine Nase blutete. Ich kann mich an die entsprechende Lektion meines Vaters erinnern. Der Lehrer ließ meinen Vater kommen und klärte ihn über seinen Sohn auf. Zu Hause sagte mein Vater zu mir: ‚Ich hoffe, daß dein Lehrer die Angelegenheit nicht in den Religionsunterricht trägt, sonst wird dir der Priester einen Vortrag über die Todsünde und die ewige Verdammnis halten.’ Ich hatte Glück. Die ganze Angelegenheit ging immer wieder an mir vorbei; doch der Gedanke an die Todsünde und die ewige Verdammnis ließen mir keine Ruhe, wenn ich meinen Schulkameraden wieder sah. – Ja, ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran. Gerade als Kind haben mir die sogenannte ‚Todsünde’ und die ‚ewige Verdammnis’ viel zu schaffen gemacht.“
„Lieber Jochen“, sprach ich zu ihm, „die ‚Todsünde’ und die ‚ewige Verdammnis’ sind magnetische Fangeisen der Kirche. Mit der Angst vor der ewigen Verdammnis ließen sich zu allen Zeiten und lassen sich auch noch heute gute Geschäfte machen. Besonders die katholische Kirche hat buchstäblich mit dem Feuer der Hölle ihre Scherflein eingefahren. Die Leidtragenden dabei waren natürlich die Gläubigen. Wer die Lehre der Kirche ernst nahm und noch über ein intaktes Gewissen verfügte, wurde seines Lebens nicht mehr froh.
Hier fällt mir eine Textstelle aus dem Buch ‚Strafsache Vatikan. Jesus klagt an’ ein, in dem der Autor, Uli Weyland, Jesus sagen läßt:
‚Ich habe das Reich Gottes, die Kirche hat die Hölle gepredigt. Der Gott, mit dem diese Organisation [die Kirche] droht, ist der des Alten Testaments und nicht der meiner ‚Frohen Botschaft’. Statt Liebe und Barmherzigkeit versenkt sie Furcht in die Herzen der Menschen, vergewaltigt Seelen und Vernunft.’
Der unselige Reichtum der Kirchen basiert auf Blut und Angst. An der Tatsache, daß die reichen Kirchen mit den Reichen und Einflußträchtigen kooperierten und auch mit der jeweiligen Regierung, kann abgelesen werden, daß die Kirchen mehrheitlich für die Reichen sind.“
„Ich glaube“, sagte ich, „es sind noch deine vielen Fragen zur Prunkentfaltung der Kirchen, zur Ausstaffierung der Priesterschaft etc. offen. Ich will sie in knappen Worten beantworten.
Du sprachst die unterschiedlichen Arten und Merkmale der verschiedenen Religionen an. So weit wir Menschen zurückblicken können, gab es eigentlich schon immer Religionen. Alle, die sich als Hauptakteure einer Religion, einer Kirche, sahen und dieser vorstanden, haben entsprechend dem herrschenden Zeitgeist das in ihre Kirche eingebracht, von dem sie glaubten, das Volk damit an sie, die Hauptakteure, binden zu können. Daß dabei in vielen Fällen die jeweilige Regierung mitsprach und den Akteuren vieles versprach, ist in den Geschichtsbüchern nachzulesen.
Ich habe in viele Geschichtsbücher hineingelesen, das heißt, sie durchgeblättert und das gelesen, was mich interessiert hat. Mich interessierte insbesondere die katholische Religion, in die ich hineingetauft worden war. Zu meinem Erstaunen und Entsetzen mußte ich feststellen, daß sich gerade die katholische Religion sehr viele Elemente aus dem Heidentum, also aus der Zeit der Vielgötterei, zu eigen gemacht hat. Was die heutigen Theologen noch alles hinzugefügt und weggelassen haben, ist – ich will es mal so nennen – ein zusätzlicher Verstandesmix der Theologie, ein Zuschnitt für das Volk, um es in der Kirche anzusiedeln und mit Drohparolen zu binden.“
„Ein Betrug größten Maßstabs und eine arglistige Täuschung, kann man da nur sagen“, kommentierte Jochen. „Jesus war ja als leuchtendes Aushängeschild bestens geeignet. Etikettenschwindel nennt man so was wohl. Und da Er nicht mehr als Mensch auf der Erde war, konnte Er und kann Er sich dagegen auch nicht mehr zur Wehr setzen.
Was ich aber nicht verstehe, ist: Warum haben Gott und Christus, beide ausgestattet mit einer Machtfülle ohnegleichen, wie man sagt, jetzt 2000 Jahre lang die Dinge laufen lassen? Warum haben sie die unheilvolle Entwicklung nicht gestoppt? Warum haben sie geschwiegen? Jesus hat doch gesagt ‚Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden’. Warum hat Er diese nicht angewendet, nicht eingesetzt?“
„Gott schwieg nie“, klärte ich ihn auf. „Immer wieder traten Mahner und Künder auf, gerechte, erleuchtete Männer und Frauen, die in Seinem Auftrag die Mißstände anprangerten und die Menschen auf die bösen Folgen hinwiesen, die nach dem Kausalgesetz auf sie zukommen würden. Deshalb waren diese Gottespropheten und Boten der Himmel den Kirchen auch immer ein Dorn im Auge. Sie wurden bekämpft, verfolgt, mundtot gemacht und viele von ihnen auch getötet.
Gott klärt auf, Gott mahnt, Gott warnt und Gott belehrt und führt jene, die Seine Hilfe annehmen wollen, jene, die Ihn suchen, und jene, die sich zu Ihm bekennen. Aber Gott straft nun mal nicht, Gott zerstört und vernichtet nicht. Die Menschheit, die Seinem Gesetz zuwiderhandelt, und jene, die sich gegen Ihn stellen, die Ihn bekämpfen, sie strafen sich selbst nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung, von Saat und Ernte: Was der Mensch sät, das wird er ernten.“
„Und heute?“ fragte Jochen. „Es sieht doch ganz so aus, als sei diese Zeit eine extreme ‚Erntezeit’ – oder? Und hat sich Gott aus diesem großen Schlamassel, in dem die Menschheit und die Welt ganz offensichtlich stecken, zurückgezogen und wartet weiter ab?“
„Gott nimmt Sich sehr wohl Seiner Menschenkinder an. Sein Wort der Wahrheit, das Licht der Wahrheit, ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf dieser Erde, ver-breitet in unzähligen Aufzeichnungen in Ton und Schrift.“
„Aber Er greift nicht ein“, beharrte Jochen. „Warum nicht?“
„Weil die Menschen, die vom Ursprung her Kinder Gottes sind, eben den freien Willen haben. Und den wird Gott ihnen niemals nehmen“, ergänzte ich. „Das ist Gottes Liebe, Geduld = Güte, Seine Gerechtigkeit. Gottes Gesetz ist die Liebe und Freiheit. Er möchte, daß Seine Kinder aus Liebe zu Ihm und in aller Freiheit zurückkehren!
Aber kommen wir zurück zu der Aussage, die man auch folgendermaßen formulieren könnte: Die Institutionen Kirche haben im Grunde keinen christlichen, sondern in vielfältiger Hinsicht einen heidnischen Charakter.
Als Schulmädchen dachte ich: Warum gibt es in der Kirche ‚Kapuzenmänner’? Ich meinte damit nicht die Mönche, sondern die Bischöfe, Kardinäle und den sogenannten Heiligen Vater. Heute ist mir bewußt, daß die Mitra, die Bischofsmütze, ebenso die Tiara, die Krone, die der Papst trägt, heidnisch ist. Sie gleicht dem Hut des Dagon. Dagon war ein Fischgott, der in Babylon angebetet wurde. Überhaupt sind die Kleidung und die Symbole, welche die kirchlichen Autoritäten zum sichtbaren Zeichen ihrer ‚gottgegebenen Würde’ tragen, allesamt heidnischen Ursprungs.“
Jochen sagte: „Wenn ich das alles so höre, habe ich die Frage: Was ist in der katholischen Kirche nicht heidnisch?“
Ich antwortete ihm: „Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist der größte Teil der Riten und Zeremonien aus dem Heidentum.
Lieber Jochen, vorhin sprachst du von ‚Etikettenschwindel’ und ‚arglistiger Täuschung’. Auch darüber lohnt es sich, einmal nachzudenken. Viel zu schnell geben wir Menschen uns mit Begriffen zufrieden und gehen zur Tagesordnung über. ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut’, sagte der Kleine Prinz. Denn es handelt sich ja nicht nur gleichsam um einen juristischen Sachverhalt, sondern in diese üblen Machenschaften sind ja viele, viele Menschen und somit Menschenschicksale einbezogen.
Jetzt stelle mal ich einige Fragen: Welche Auswirkungen hatte der Etikettenschwindel, die arglistige Täuschung, wie du es nennst, für zahllose Menschen, z.B. im Mittelalter – ich tippe nur an –: Kreuzzüge, Folter, Inquisition, Ketzerverbrennungen etc.? Und heute? Hast du nicht selbst vor drei Wochen in Schlußfolgerungen mit großer Klarheit und großem Engagement die Situation von derzeitigen Nachfolgern des Jesus, des Christus, skizziert? Wem also wurde und wird durch die scheinheiligen Kirchenverwalter übel mitgespielt? Ist es nicht das Volk? Und dieses besteht aus Menschen. Und gibt es nicht noch immer viele, die immer noch nicht begreifen können oder wollen, daß sie seit Jahrtausenden die Genasführten einer verantwortungslosen Priesterkaste sind?
Seit jeher behauptet die ‚christliche’ Kirche, von Jesus selbst ins Leben gerufen worden zu sein. Daraus bezieht sie ihre Legitimation. Sie haben also mit Hinterlist – zu ihrer Rechtfertigung, sie seien christlich – den großen Freiheitslehrer Jesus und einen Teil Seiner großartigen Lehren in ihren theologischen Verstandesmix eingebaut. Die Lehren Jesu sind ihnen nicht so wichtig. Hauptsache, das Geld klingelt und füllt die Bankkonten. Geld ist Macht; damit wird Macht demonstriert und ausgeübt.“
In Jochen erwachte offenbar wieder das Kämpferische, der Rebell, der sich immer regte, wenn er Unrecht witterte. Er sagte mit erhobener Stimme: „Also haben sie letztlich nicht nur die ihnen sich anvertrauenden Menschen ‚verheizt’, sondern auch das Ansehen des Jesus. Somit haben sie Gott quasi verleumdet und verhöhnt, Gott und Seinen Sohn Christus in ein ganz falsches Licht gebracht. Kein Wunder, daß Leute wie ich und Millionen weiterer Menschen Ihm nun kein Vertrauen mehr entgegenbringen konnten und gar Ihm allerlei Böses zutrauten. Ein nicht wiedergutzumachender Schaden ist damit angerichtet worden. Teufel, Teufel!“ Jochen machte seiner Entrüstung in Worten und Gesten Luft.
Ich sprach zu ihm: „Darf ich dir einen Rat geben? Studiere die Bergpredigt Jesu, die die Kirche gleichsam in das ferne Reich der Utopie verweist, dann wirst du erkennen, daß Jesus keine Kirche aus Stein gegründet hat.
Stephanus, ein Mann Gottes, von dem die Apostelgeschichte berichtet, sagte, bevor er gesteinigt wurde: ‚Aber der Allerhöchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist.’ Lieber Jochen, denke darüber nach: Wenn Jesus keine Kirche gegründet hat, dann wollte Er auch keine kirchlichen Rituale und Zeremonien. Der beste Beweis hierfür sind Seine Apostel und Jünger. Aus ihnen hat Er weder Kardinäle noch Bischöfe gemacht, auch keine Priester und Pfarrer, geschweige denn einen ‚Heiligen Vater’ gekürt. Jesus krönte Seine Nachfolger weder mit einer Mitra, noch gab Er ihnen einen Krummstab in die Hand. Die Apostel und Jünger waren einfache Bürger. Und Er gebot ihnen, als solche das Wort, das Er sie gelehrt hatte, in andere Länder zu tragen. Der Stab der Apostel war ein Wanderstab, den ihnen der Wald bot, also ein geeigneter Ast.
Wie du ja selber weißt, war Jesus kein Priester oder Pfarrer. Jesus war wie Seine Apostel ein Mann des Volkes, ein schlichter Mann, ein Zimmermann. Er wollte Menschen, die Ihm nachfolgen, die also Seine Lehre, den Weg zurück in die ewige Heimat, annehmen und erfüllen. Jesus war kein Opportunist und kein Konformist; Er war aus dem ehernen Gesetz Gottes, geschmiedet mit dem Feuer des Einen, des Heiligen Geistes, was Seine Bergpredigt zeigt. Aus folgenden Worten Jesu läßt sich eindeutig entnehmen, daß Er keine Theologen anerkennt, die sich Pfarrer, Priester, Bischöfe, Kardinäle oder gar ‚Heiligen Vater’ nennen, denn Er sprach:
‚Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel ist ...
Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr laßt auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.’“
„Jesus wollte also keine Kirche, Er wollte keine Riten und Zeremonien, keine Priester, Theologen und erst recht kein Papst“, faßte Jochen zusammen. „Ich frage mich soeben: Warum nicht? Jesus warf den Pharisäern und Schriftgelehrten vor, daß sie den Menschen das Himmelreich verschließen. Ich frage mich: Wodurch? Was ist so grundsätzlich verkehrt an der Struktur und der Lehre der Kirche?
Gabriele, mir kommt es vor, als hätte ich in diesen Stunden unserer Gespräche plötzlich einen Durchblick, den ich sonst in dem Maße nicht habe. Eben dachte ich nämlich, vielleicht kann man sagen: All die Merkmale, die das Kirchenleben prägen, entsprechen Gott nicht und folglich auch Christus nicht. Und als ich dachte: Warum nicht?, da blitzte sozusagen mein Lieblingswort auf, die ‚immanente Energie’ und daß du in etwa gesagt hast: Gott ist wie ein unendlich großes geistiges Energiefeld, das Leben in allem. Gott ist folglich eine innere Energie, eine innere Kraft. Was hingegen die Kirche bietet, sind viele, viele Äußerlichkeiten, und nur wenig mehr.
Als du von der Taufe sprachst, sagtest du, daß die Pfarrer und Priester den Heiligen Geist wohl nicht in sich erschlossen haben, weil sie mit Wasser und dazu noch Säuglinge taufen. Das glaube ich jetzt auch, denn sonst müßten sie ihre ‚Heiligkeit’ nicht so demonstrativ zur Schau stellen, damit’s auch ja jeder glaubt: mit goldbestickten Roben, Schals, Bändern und spitzigen, auffallenden Mützen, mit Weihrauchkesseln, mit dem überladenen Schmuck der Kirchenräume usw.“ Und mit einem kleinen Seitenblick auf mich bemerkte Jochen: „Du bist ja z.B. auch gekleidet wie ein ganz normaler Mensch. Die Theologen haben’s halt nötig!
Und dann hängen sie sich zum sichtbaren ‚Beweis’, daß sie christlich sind, auch noch eine Kette um mit einem Kruzifix, also Jesus am Kreuz. Wieso übrigens den toten Jesus am Kreuz? Ich denke, Er ist auferstanden; das wird doch zu Ostern gefeiert! Und in dem toten Menschenkörper von Jesus, der Hülle, wie du es nennst, ist ja das Leben, die immanente Energie, Seine Seele, doch gar nicht mehr drin, sonst wäre er ja nicht tot!
So ein tückisches Verwirrspiel! Da hatte ich eben einen ganz verwegenen Gedanken, ich sag’ ihn dir: Und wenn die Kirchenleute vielleicht gar nicht daran glauben, daß Christus lebt? Und wenn sie deshalb, um dies ‚durch die Blume’ anzudeuten, überall den toten Jesus am Kreuz herzeigen? – Darüber muß ich unbedingt noch weiter nachdenken!
Warum das bloß so wenige der Kirchgänger merken, fragt sich. Aber mir scheint, solange man in diesem Energiefeld Kirche drinsteckt, hat einen das so im Griff, daß man leicht alles, was einem vorgesetzt wird, nachbetet. Das eigene Denken ist ja sowieso nicht erwünscht. Glauben soll man, auch wenn es einem absurd vorkommt. – Gabriele, ich bin heilfroh, daß ich diese lähmende Energieglocke hinter mir gelassen habe, die aus einem vernunftbegabten Menschen eine nickende Marionette ohne Verstand macht. – Auch diesem Gedanken werde ich in stillen Abendstunden weiter nachgehen!“ schloß Jochen seine Rede ab.
„Tu das“, sagte ich. „Christus hat in Jesus wahrhaftig eine Innere Religion ins Leben gerufen. Und weil Seine Lehre seit dem frühen Urchristentum nicht mehr gelehrt und gelebt wurde, weil sich ein veräußerlichtes System Kirche gebildet hat, in dem der Geist Gottes nicht mehr weht, haben sich auf Sein Wort hin – gleichsam Sein ‚aktuelles’ Wort aus Prophetenmund – wieder Menschen aufgemacht, Ihn, das wahre Leben, das universelle Leben, erneut in sich und in allem Sein zu finden. Ihr Weg ist der Innere Weg – er heißt auch so. Dieser baut auf auf den Zehn Geboten Gottes und auf der Bergpredigt Jesu.
Übrigens hat es in allen Generationen der letzten 2000 Jahre immer wieder Menschen gegeben, die mit Verstand und Herz die ewige Wahrheit, Gott, suchten und in sich fanden. Hier habe ich z.B. Verse des Schriftstellers Oskar von Redwitz. Ich habe sie zu unserem Gespräch mitgebracht und möchte sie dir vorlesen:
‚Der da bei Weihrauch und bei Kerzenschein sich gängeln läßt durch Murmeln und durch Bücken, der wandelbare Gott ist nicht der meine. Den Willen meines Gottes kann nichts verrücken, mein Gott ist das Gesetz, das ewig Eine! Zerschellt, ihr des Gebetes morsche Krücken!’
Du siehst also, es gibt offenbar noch andere, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und Gott deshalb in der Kirche nicht finden können.“
Nach einer Denkpause sagte Jochen: „Das regt mich an, nun doch einmal eingehend die Bergpredigt zu studieren. Ich habe sie schon einige Male kurz überflogen, aber meine Bedenken gegenüber Gott und auch gegenüber Jesus, unserem sogenannten Erlöser, also meine Zweifel, haben mich abgehalten, die Worte der Bergpredigt zu analysieren und letztlich auf mein Leben anzuwenden.“
„Weißt du“, sagte ich zu Jochen, „das angebliche ‚christliche’ Brauchtum ist voller Absonderlichkeiten und bei den Katholiken teilweise anders als bei den Protestanten. Ein weiteres Beispiel: In der katholischen Kirche gibt es Heilige, Fürbitter bei Gott. In der evangelischen Kirche gibt es keine Heiligen, keine Fürbitter. Darüber habe ich auch als Schulmädchen nachgedacht. Heute ist mir bewußt, daß die sogenannten Heiligen der katholischen Kirche vom Heidentum abgeleitet sind, wo Götter angerufen und ihnen Geschenke und Opfergaben gebracht wurden, um sie gnädig zu stimmen. Auch den ‚Heiligen’ werden Kerzen geopfert, vermutlich, damit sie sich auch wirklich mit dem nötigen Engagement und Nachdruck bei ‚Gott’ dafür einsetzen, daß dem Menschen die entsprechenden Wünsche und Anliegen erfüllt werden.
Über diese speziell katholische Absonderlichkeit informiert – in der 12. Folge der Serie ‚Der Prophet’ – ein kritischer Zeitgenosse die Leser u.a. folgendermaßen:
»... Die Katholiken rufen für alle möglichen Zwecke „Heilige“ an. Diesbezüglich habe ich mich mit einer Bekannten unterhalten, die ich als “Stammkatholikin“ bezeichnen möchte, und von ihr gehört, daß “Heilige“ sogar besondere Zuständigkeitsbereiche hätten. Zum Beispiel gibt es einen, der zuständig ist für Bettler, Soldaten und Reiter. Es ist der “Heilige Martin“. Die “Heilige Veronika“ soll die Patronin speziell für Pfarrhaushälterinnen sein. Den “Heiligen Pankratius“ heißt man den Nothelfer gegen Meineid und falsches Zeugnis, die “Heilige Susanne“ die Nothelferin gegen Regen, Verleumdungen und Unglück.
Ich konnte meine Bekannte, die “Stammkatholikin“, kaum stoppen; sie kannte sich mit den “Sparten“ der Nothelfer und deren Aufgabenbereichen bestens aus. Sie sprudelte weiter: Der “Heilige Antonius“ soll dazu ausersehen sein, beim Wiederfinden verlorener Gegenstände zu helfen. Der “Heilige Christophorus“, bekannt als Hüne, der mit dem Kind auf den Schultern den Fluß durchschreitet, soll der “Heilige“ der Fuhrleute und der Autofahrer sein. Plötzlich hielt sie inne und meinte: Ja, mit diesem “Heiligen Christophorus“ sei es so eine Sache. Eines Tages sei bekannt geworden, daß man über sein Leben nichts weiß und daß der “Heilige Christophorus“ nur eine Legende sei ...«“
„Gabriele“, fragte Jochen, „wendest du dich auch manchmal an die ‚Heiligen’?“
Ich antwortete: „Natürlich nicht! Gott, der All-Eine, ist mein, ist dein, ist unser Himmlischer Vater. Zu Ihm und zu Christus, unserem Erlöser, bete ich ohne Mittler.
Lieber Jochen, du weißt, ich möchte keinesfalls auf dich irgendeinen Zwang oder Druck ausüben. Du bist frei, und fühle dich auch so! Alles, was ich sage, sind Denkanstöße, um darüber nachzulesen oder nachzudenken. Jeder Mensch soll seine Glaubensentscheidung selbst treffen. Darf ich dir einen Rat geben? Lerne schauen, ohne zu urteilen und zu werten. Lerne hören, um zuhören zu können. Bete nach innen, und bitte Gott, daß Er dir beisteht, so daß du dir selbst ein Bild machen kannst über das, was du siehst und hörst. Denke, überlege, und prüfe.
Als ich jung war, gab mir ein Mensch, der Gott in sich suchte und Ihn auch in der Natur fand, folgenden sinngemäßen Hinweis: ‚Warte ab, bis du ein weitgehend klares und umfassendes Bild von dem hast, was dich bewegt. Dann erst triff für dich die Entscheidung.’ Diese Worte möchte ich auch dir ans Herz legen.
Die Hilfen, um eine gottgewollte Entscheidung zu treffen, sind die Gebote Gottes, die Er den Menschen durch Mose gab, und die Bergpredigt Jesu. Du hast, wie du sagtest, bereits eine positive Veränderung in deinem Verhalten gegenüber einigen Mitmenschen eingeleitet. Eine unvergleichliche weitere Hilfe gibt dir Jesus von Nazareth, eben in Seiner Bergpredigt. Lerne vor allem, folgende Worte Jesu zu verstehen: ‚Was du willst, daß dir andere tun, das tue du ihnen zuerst.’ – Anders gesprochen: ‚Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.’
Diese Worte waren und sind für mich heute noch ein unschätzbarer Bestandteil in meinem Leben. Sie gaben mir in jeder Situation die Richtschnur für ein Verhalten, das zu Einheit und Frieden mit meinen Mitmenschen und Mitgeschöpfen führt. Sie machten mich frei und bewahren mich vor jeglicher Bindung.“
„Du sprichst viel von Einheit“, stellte Jochen fest. „Was verstehst du unter Einheit?“ Ich antwortete: „Die Einheit ist die ewige All-Kraft, die überall ist, in der Natur, in den Tieren, in den Menschen und auch im ganzen Universum. Gott, die All-Kraft, ist Liebe. Alle reinen Wesen und Lebensformen sind durch die Kraft der selbstlos-gebenden Liebe Gottes in der alles umfassenden, universalen Einheit verbunden. Auch die irdische Natur – die Erde mit ihren Tieren, Pflanzen und Mineralien, mit den Elementarkräften, mit den Gestirnen – ist in der großen Schöpfungseinheit und lebt im Strom der All-Kraft, im großen Energiefeld, Gott. Der Mensch, der Störenfried auf dieser Erde, sollte durch die Wiederentfaltung seines ursprünglichen, inneren Wesens, das göttlich ist, wieder zurück zu Gott in die Einheit finden.“
Jochen bat: „Gabriele, kannst du zum Abschluß bitte noch einmal sagen, wie?“
„Gern“, antwortete ich. „Der Weg, der in die Einheit mit Menschen und sukzessive mit allem Sein führt, ist der Innere Weg. Die Bergpredigt des Jesus, des Christus, ist fundamentaler Bestandteil des Inneren Weges. Wer möchte, kann mit der Goldenen Regel beginnen, die ich soeben erwähnte: ‚Was du willst, daß dir andere tun, das tue du ihnen zuerst’ und den Hinweis beachten: ‚Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.’ Der Weg in die Freiheit, der Innere Weg, ist der Weg der Selbsterkenntnis.
Lieber Jochen, du sprachst anfangs von deinen Zweifeln. Das, was du ‚Zweifel’ nennst, finde ich, wie gesagt, sogar positiv, denn Zweifel lassen suchen. – Du merkst es ja selbst.“
Jochen blickte mich an: „Liebe Gabriele, ich fürchte, ich habe auch in diesem Gespräch recht direkt und ‚unzensiert’ gesprochen, ebenso, wie es mir gerade kam. Eventuell habe ich mich dabei auch mal im Ton vergriffen. Ich hoffe, du verzeihst mir das!“ Ich lachte und beruhigte ihn: „So schlimm war es nicht, lieber Jochen. Du kannst sicher sein, daß ich schon weiß, wie du es gemeint hast. Erstens: Du bist jung, und ein junger Mensch darf auch mal über die Stränge schlagen; das ist ganz normal – besonders wenn er, wie du, das Herz auf dem rechten Fleck hat. Zweitens ist mir ein ehrliches Wort, auch wenn es ein wenig deftig ausfallen sollte, lieber als ein scheinheiliges Gesäusel.
Übrigens“, setzte ich hinzu, „kann man auch mit Gott, mit Christus ebenfalls, so reden, wie einem zumute ist. Er sieht jedem Menschen ins Herz und kennt ihn durch und durch. Da braucht man nie zu befürchten, mißverstanden zu werden.“
Jochen horchte auf: „Wie ist das so, wenn man sozusagen mit Gott ‚ins Gespräch kommen’ möchte? Das heißt ja wohl Gebet – oder? Da ist mir noch vieles unklar, denn ich bin darin total ungeübt. Erzähl mir doch davon“, bat er. „Wenn du magst“, fügte er hinzu, und wir schauten einander an und lächelten; wir wußten, warum. Ich fuhr fort:
„Wohlgesetzte Worte, eventuell auswendiggelernte und heruntergesagte Texte, aus dem Wissen, aus dem Kopf gesprochen, erreichen Gott nicht. Die Inhalte sind es, die zählen. Gott, ebenso Christus, ist unkompliziert und geradlinig. Er möchte unser guter Vater, unser bester Freund sein, und dementsprechend kann man auch mit Ihm reden. Und da der ewige Geist nicht irgendwo über dem Firmament schwebt, sondern in uns ist, richten wir unsere Anliegen an Ihn – wir sagen, unsere ‚Gebetsgedanken’ – nach innen, in unser Inneres. Solltest du also mal den Wunsch verspüren, dich an Ihn zu wenden, tust du es am besten in diesem Sinne. Er wird dir auf vielfältige Art und Weise Antwort geben.
Er, die große, allgegenwärtige Kraft – wie du sagst, die immanente Energie, der Geist in allem, was ist und was geschieht –, spricht zu uns z.B. durch das, worauf unser Blick fällt, durch das, was wir beim Aufschlagen eines geistigen Buches lesen, oder durch ein Wort unseres Nächsten, das uns besonders bewegt, und vieles, vieles mehr. Daraus ergeben sich viele Erkenntnismöglichkeiten.
Erkenntnis heißt immer Selbsterkenntnis. Was der Nächste, unser Mitmensch, denkt, sagt oder tut, hat er selbst zu verantworten; es geht nur ihn und Gott etwas an. Wir können ihn nicht ändern und sollten ihm die Freiheit lassen. Nur uns selbst können wir erkennen und ändern – wenn wir wollen, denn auch wir sind frei, wie du schon oft hörtest.
Gott möchte in vielen, oft kleinen Begebenheiten aber auch zu uns sagen: Fühle in deinem Herzen, Ich Bin da! Ich liebe dich. Verzage nicht; du bist nie allein. Ich begleite und führe dich. – Das sind dann keine Worte, die wir hören, sondern es ist ein Gefühl, z.B. von Wärme, von Ruhe, von Geborgenheit, von Frieden. Es ist Seine Strahlung, das große Energiefeld des ewigen Geistes, der uns Seine Freundlichkeit, seine Güte und Barmherzigkeit zustrahlt.
Da kann es sein, daß uns wie von ungefähr eine Liedzeile in den Sinn kommt, deren Aussage eine ermutigende Botschaft an uns beinhaltet. Oder wir nehmen plötzlich mit ganz anderen Augen die Natur um uns herum wahr: den sanften Wind, der uns umweht; ein Tier, das uns anschaut; einen majestätischen Baum; ein sprudelndes Bächlein; eine sonnenüberflutete Blumenwiese und vieles mehr. Und in dem feinen Gefühl, das wir dabei empfinden, liegt die Antwort Gottes. Oder ein Sonnenstrahl bricht plötzlich durch die Wolken und möchte uns sagen: Ich, die große Sonne der Unendlichkeit, das Licht der Himmel, das in dir wohnt, Bin allezeit mit dir.“
Jochen überlegte: „Das würde bedeuten, daß ich viel aufmerksamer durch den Tag gehen müßte, um das zu erfassen, was mir der Tag sagen will, bzw. was Gott mir durch das, was mir im Tag begegnet, sagen will. – So etwa?“
„Ganz recht“, bestätigte ich. „Jeder Mensch könnte sich in der Wahrnehmung der feinen Empfindung des Herzens üben, um Gott näherzukommen, sofern er das möchte. Gott gibt und gibt, Er ruft und ruft – ob und wann der Mensch Seine Gaben der Liebe annimmt, ob und wann er Seinem Rufen folgt, das bleibt ausschließlich ihm selbst überlassen.
Lieber Jochen, du sollst wissen: Wie immer du es halten möchtest – Gott ist in dir; Gott ist mit dir; Gott ist für dich. Er ist bereit. Er wird dich aber niemals drängen. Er wartet auf dich. Gott kennt keine Zeit. Er ist geduldig.“
„Fragt sich nur angesichts der Weltlage, ob ich noch so sehr viel Zeit habe“ entgegnete Jochen mit einem Anflug von Trotz. „Ich werde mir das alles sehr gründlich durch den Kopf gehen lassen.“ „Und, solltest du das tun wollen, vergiß das Herz nicht“, fügte ich hinzu, und wir beide lachten.
„Möchtest du noch einen guten Rat?“ fragte ich. Er nickte. „Finde immer zur Klarheit in dir. Die Gebote Gottes und die Lehren Jesu helfen dir. Nur dann kannst du lernen, wachsen und reifen und kannst von Gott, der unendlichen Kraft, Liebe und Weisheit, geführt werden.“
Wir verabschiedeten uns freundschaftlich mit einem beiderseitigen, bewußten „Gott mit dir!“
In diesem meinem Gabriele-Brief möchte ich den Lesern viele Fragen stellen, aber auch Fragen von Lesern beantworten, die die Gabriele-Briefe 1 bis 5 gelesen haben. Jeder Mensch ist frei, das, was ich schreibe, anzunehmen oder auch nicht. Jeder Mensch ist Träger des freien Willens. Jeder muß für sein Erdenleben, für sein Tun und Lassen selbst die Verantwortung tragen.
In jeder Situation, bei täglichen Entscheidungen, in Not, Krankheit und Leid sollten wir Gott um Hilfe und um Beistand bitten; auch das, was wir sehen oder hören, sollten wir mit Seiner Kraft ernsthaft und gewissenhaft erforschen und für uns selbst daraus die Schlüsse ziehen. Und bedenken wir: Jeder von uns ist verantwortlich. Wer Unrecht sieht oder hört und schweigt, ist mitschuldig.
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