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  Gibt es einen Gott? „Das sind die unergründlichen Geheimnisse Gottes“

Ganz plötzlich, über Nacht, starb meine Mutter. Ihr Tod warf weitere Gedanken und Fragen auf. Was heißt Leben? Lebt meine Mutter? Wo ist meine Mutter? Die katholische Beerdigung des Leichnams meiner Mutter und die Bestattungsrede des Priesters waren für mich nichtssagend; es waren für mich unzusammenhängende Worte, die einfach so dahergesprochen wurden, wie man sie eben bei jeder Beerdigung hört.
Weil ich im Bekanntenkreis immer wieder nach Gott fragte – Gibt es einen Gott? Wo ist Gott? Lebt die Seele meiner Mutter? Gibt es überhaupt eine Seele? –, wurde ich einem jungen Theologen vorgestellt. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, wann und wie er sein Theologiestudium absolviert hatte und daß er zum Priester geweiht worden war. Dann sprach er über Theologie, vor allem darüber, was der Priester zum Zelebrieren der verschiedenen Messen und Andachten an Sonntagen und hohen Feiertagen alles beachten muß. Von Gott sprach er nicht – nur über die vielen Zelebriermöglichkeiten zu hohen Feiertagen, zu Festtagen und an normalen Sonntagen. Der junge Geistliche sprach auch von den „Lehrmeinungen“ seiner Kirche. Das löste in mir eine innere Revolution aus. Was heißt „Lehrmeinung“? Etwas Ausgedachtes, eine Meinung der Theologen, von Menschen also, die ihre Vorstellungen als Lehrmeinungen predigten – und das unter dem Namen des Jesus? Hat Jesus den Menschen „Lehrmeinungen“ hinterlassen? Über diesen verklausulierten, philosophierten menschlichen Vorstellungen und theologischen Spitzfindigkeiten wurde ich ungeduldig und warf die Frage über Gott ein: „Gibt es überhaupt einen Gott, und kann man Ihm näherkommen? Wo ist Gott?“
Die Antwort des jungen Priesters erschien mir derart flach und nichtssagend, daß ich erschrak. Sie hieß: „Man kann nichts wissen. Außerdem sind gerade das die unergründlichen Geheimnisse Gottes. Und Gott läßt sich nicht in Seine Geheimnisse schauen.“
Auf die Frage, ob man Gott näherkommen kann, meinte er sinngemäß: „Gott ist so weit weg. Ich denke, daß Er uns hört, vor allem dann, wenn wir Ihn in der Kirche besuchen.“
Das war alles, was er mir auf meine Fragen antwortete, so daß ich jetzt so unwissend war wie zuvor. Ich dachte: „Wenn es Gott gibt und Er auch noch Geheimnisse vor mir haben muß, dann werde ich auf meine Fragen niemals Antwort bekommen.“ Diese so wenig gehaltvolle Antwort über Gott ließ mich noch mehr an der Kirche zweifeln. Im Gebet rang ich immer wieder darum, die Zweifel an Gott zu überwinden.
Beim Einkaufen begegnete ich öfter einer Frau, mit der ich allgemeine Gespräche führte, z.B. über die Preise im Supermarkt, was es günstig gibt und was sehr teuer ist, und einiges mehr. Der plötzliche Tod meiner Mutter hatte körperliche Spuren hinterlassen. Noch viele Monate lang sah ich angestrengt und müde aus. Das bemerkte sie, denn als wir in der Eingangshalle des Supermarktes wieder einmal zusammentrafen, sprach sie mich darauf an. „Haben Sie große Sorgen?“
Ich erzählte ihr von dem plötzlichen Tod meiner Mutter und von den quälenden Fragen, ob es ein Leben nach dem Leben gibt und ob Gott überhaupt existiert. Die Bekannte blickte mich so ruhig, so von innen heraus freundlich und verstehend, ja gütig an, daß mir das Herz aufging. Ich erzählte ihr von meinen Lebensregeln, daß ich schon als Kind den Wunsch gehabt hatte, gut zu sein. Ich vertraute ihr an, welche Worte mir meine Mutter so eindringlich ans Herz gelegt hatte, „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Auch sprach ich von Helmut, dem Freund der Familie, der mir auf der Glückwunschkarte noch einmal geraten hatte, mich an die Lehre des Jesus zu halten und auf Seinem Weg voranzuschreiten. „Dieser Helmut ist ein aufrechter Mensch, der sich selbst treu bleibt“, sagte ich. „Er ist ein großer Freund der Natur und kein Kirchgänger; er hat Gott in der Natur gefunden.“
In kurzen Worten gab ich das Gespräch mit dem jungen Theologen wieder und erklärte: „Wohl bin ich noch Katholikin, trage mich aber mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten, die ich ohnehin schon nicht mehr aufsuche. Lieber gehe ich auf den Friedhof, wo ich Ruhe finde, um für die Verstorbenen zu beten, oder ich bete zu Hause, wenn ich alleine bin. Außerdem“, so sprudelte es aus mir heraus, „habe ich viele Fragen an Gott und hoffe, daß Er sie mir irgendwann beantwortet!“
Meine Gesprächspartnerin hörte mir aufmerksam zu, und sie stellte nun gezielte Fragen. Als ich auf ihre Fragen Antwort gegeben hatte, sagte sie mit ernster und bestimmter Stimme sinngemäß: „Wie Sie gesagt haben, suchen Sie Gott, jedoch nicht in der Kirche. Das ermutigt mich, offen zu sprechen. Sie werden Gott in keiner Kirche aus Stein finden, denn Gott ist nicht in einem Steinhaus, das von Menschenhänden erbaut ist. Alles, was der menschliche Verstand, die theologisch-intellektuelle Fachsimpelei schuf, ist eine Lehrmeinung der Kirchen und eine Anmaßung des Menschen gegenüber Gottes Schöpfung. Ich wiederhole: Es ist eine intellektuelle Fachsimpelei über Gott, aber nicht die Wahrheit über Gott und Seine Schöpfung.“
Sie sagte: „Sie“ – und meinte mich – „und wir alle sollen zum Bildnis Gottes werden, indem wir dem Baumeister unseres Körpers die Ehre geben und so denken, reden und tun, wie Gott es will, der Seine Schöpfung durchströmt.“
Und sie fuhr fort: „Gott ist das Leben. Er, Gott, das Leben, ist Seine reine Schöpfung. Er, Gott, ist in allen materiellen Formen, die Er zur Formgebung zugelassen hat, damit alles, was verdichteter Urstoff ist, zu leben vermag. Die Dichte, z.B. der menschliche Körper, soll zum Bildnis der reinen Schöpfung werden. Deshalb gab Gott den Menschen die Gebote und Sein Sohn Jesus den Weg, der ins Vaterhaus führt, die Bergpredigt.“
Jedes ihrer Worte rief in mir einen Widerhall hervor, obwohl ich zugleich merkte, daß ich sie noch nicht voll zu erfassen vermochte. Was diese Frau sagte, faszinierte mich, auch als sie weitersprach: „Um die Kräfte des Alls, die Urkraft, das Licht, das im Menschen ist, wieder zum Fließen zu bringen, sollten wir uns bewußt machen, daß Gott in Seiner Schöpfung ist, in uns, in unserer Seele und – so weit wir Seinen Willen tun – auch in unserem Körper. Gott ist das Leben in allen Menschen, in jedem Tier, in der ganzen Natur, in allen verdichteten Gestirnen. Im reinen Sein, in den Himmeln, ist Gott Seine Schöpfung, ohne Umhüllung, ohne Dichte, weil es im ewigen Reich keine Dichte, keine Materie gibt. Die Lebensformen in den ewigen Himmeln sind geistiger Urstoff.“
Sie sah mich prüfend an. „Sie werden das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, irgendwann verstehen lernen.“ Ich fragte sie: „Woher haben Sie all dieses Wissen?“ Und sie antwortete: „Ich bete und lese viel, außerdem besuche ich eine Gemeinschaft, die das Wort der Himmel hoch schätzt und in der viel gebetet wird.“
Noch immer standen wir im Entree des Supermarktes. Was diese Frau sagte, übte auf m ich eine Anziehungskraft aus, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Mir war, als könnte dieses Gespräch bedeutsam für mein Leben sein. Mein Gegenüber gab mir folgenden Rat:
„Wenn Sie beten, dann suchen Sie einen ruhigen Ort auf. Beten Sie in sich hinein, denn Gott, die Liebe und Güte, wohnt in Ihnen. Gott, die Liebe und Güte, wohnt in der Natur, in den Gestirnen. Er ist allgegenwärtig.“ Sie ging auch auf meinen Kummer ein und erklärte mir sinngemäß: „Ihre Mutter ist nicht tot; sie lebt in einem feineren Körper, den wir Seele nennen, den wir Menschen aber nicht sehen können. Leben kann nicht zerstört werden. Was sich als Materie, also Dichte, zeigt, ist der Ordnung Gottes untergeordnet. Dichte wird immer in feineren Stoff umgewandelt.“
Konnte ich ihre Worte damals auch nicht ganz verstehen, so beruhigten sie mich doch ein wenig. Als wir uns voneinander verabschiedeten, bedankte ich mich auf das herzlichste. Ich glaube, ich habe sie so angestrahlt, daß sie mich kurz in die Arme nahm und mir ins Ohr flüsterte: „Im Herzen haben Sie verstanden. Gott segne Sie!“
Und Er, der große All-Eine, segnete mich.
Beim Einkauf im Supermarkt begegnete ich immer wieder einmal jener Frau, die mir geraten hatte, nach innen zu beten, zu Gott in mir. Wenn wir uns trafen, unterhielten wir uns nicht nur über Gott, sondern über verschiedene Dinge, was die Preise im Supermarkt betraf und auch über Kochrezepte, über die Familie und, und, und. Wie schon gesagt, war nicht immer das Thema Gott, doch hin und wieder sprach sie von Ihm. So auch heute.
Wie oft hatte ich von ihr gehört: „Wir sollen nach innen beten!“ Bei unserem heutigen Gespräch jedoch fielen diese ihre Worte tief in mein Inneres. Es war wie eine Gravur in mein Bewußtsein, daß der Mensch nach innen zu Gott beten soll, in seinen Körper und in seine Seele hinein. Ich versuchte es damit und stellte fest: Es schadet tatsächlich nicht, nach innen zu beten; man wird ruhiger und im Alltag sicherer.
Ich begann, immer mehr nach innen zu beten. Zuerst waren es abstrakte Gebete, die an katholische Gebete erinnerten. Bald jedoch bekamen sie einen tiefen Sinngehalt. An Tagen, an denen es sehr hektisch und turbulent zuging, auch wenn ich mit Menschen zu tun hatte, die mich unangenehm berührten oder an denen mir einiges mißfiel, stiegen in mir die Worte auf, die mich nun schon viele Jahre auf meinem Lebensweg begleiteten: „Was du willst, daß dir andere tun, das tue du ihnen zuerst.“ Oder umgekehrt: „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Ich dachte: „Das gilt sicher auch für meine Gefühle und meine Gedanken.“
Die Frau, die mir den wertvollen Hinweis gegeben hatte, die Gebete nach innen zu senden, statt hinauf in einen fernen „Himmel“, lud mich auch zu Gebetsandachten ein. In bestimmten Zeitabständen kamen mehrere Menschen zusammen, um gemeinsam zu beten. Nach dem Gebet gab es Gespräche, die für mich sehr aufschlußreich waren. Hin und wieder hörte ich Worte aus den Himmeln, die durch eine Frau zu uns gesprochen wurden und die mich besonders anregten, Gott in mir zu finden.
Heute weiß und erkenne ich: Gott war mit mir. Er lenkte meine Schritte. Er führte mich.
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