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Je mehr ich mich um meinen Standort,
meine Basis, bemühte,
desto weniger verstand ich.
“Da stimmt doch etwas nicht,
wenn Gott dieses ganze kirchliche
Brimborium nötig hat ...“



Wie viele katholisch geprägte Eltern schickten auch meine Eltern mich in den „Gottesdienst“. Mein Schauen und Hören, mein Wunsch, gut zu sein, kam sicher aus einem wachen Verstand, denn immer wieder sagte ich zu meiner Mutter: „Ich will lernen, gut zu sein.“ Rückblickend kann ich erkennen, daß meine Mutter mich nicht so ganz verstand, denn sie erwiderte z.B.: „Das Resultat deiner Schulnoten zeigt nicht gerade deine große Lernwilligkeit.“

In der Kirche lauschte ich den Predigten, von denen ich sehr wenig verstand. Ich dachte: „Warum sind Sakramente und Kulthandlungen notwendig, warum das Brauchtum, die Rituale im Gottesdienst? Warum das Hinknien und Wiederaufstehen? Warum die Klingelzeichen und das Meßbuch, das vom Ministranten von einer zur anderen Seite getragen werden muß?“ Auch die diversen Meßgewänder, die Mitra, die Hostie im Tabernakel, die Monstranz, die zu Fronleichnam von einem kirchlichen Würdenträger unter einem Baldachin herumgetragen wurde, den man „Himmel“ nennt, beschäftigten mich und vieles mehr.

 

Ich hatte eine Schulfreundin, die evangelisch war und die mich des öfteren auslachte, wenn ich in den Gottesdienst mußte, während sie das tun konnte, was ihr beliebte. Eines Tages ging sie mit mir in die „Heilige Messe“. Nach der Kirche kicherte und lachte sie so laut über das vielfältige Geschehen im Gottesdienst, daß Kirchgänger uns ansahen und den Kopf schüttelten.

„Was willst du nach all dem jetzt von mir hören?“, fragte sie. „Theater, nichts als Theater! So viel Überflüssiges gibt es bei uns, bei den Evangelischen, nicht. Bei uns geht alles ganz normal zu, ohne solches Drumherum, das auf das Beten störend einwirkt.“ Meine Freundin bezog das auf ihr persönliches Beten. Auch ich hatte Ähnliches selbst schon oft gefühlt und gedacht.

Ich fragte sie, ob sie an einen anderen Gott oder an einen anderen Jesus glaube. Wieder lachte sie und antwortete: „Das wohl nicht. Ich glaube nicht, daß wir an einen anderen Gott oder Jesus glauben. Wir Evangelischen haben nur nicht so viel Drumherum“, womit sie das Brimborium meinte. Als ich sie fragte, ob sie es nicht als feierlich empfunden habe, antwortete sie: „Genau das Gegenteil! Für mich war das nur eine Veranstaltung.“

Immer mal wieder sprachen wir über die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten. Eines Tages nahm sie mich mit in ihren Gottesdienst. Ich sah, hörte, dachte und dachte. Die Fragen „Warum“ nahmen kein Ende: Warum bei uns, bei den Katholiken, so und bei den Protestanten ganz anders? Warum ist der evangelische Pfarrer anders gekleidet als der katholische Priester? Warum wird der evangelische Gottesdienst anders abgehalten als der katholische?

Immer öfter verglich ich die katholische Prozedur mit der evangelischen. „Bei uns“ kam es mir oft überzogen „feierlich“ vor, mit so viel Rankenwerk – ich nannte es Zierat –, Zierat hier und Zierrat da, Gesten, Handlungen, die Art des Singens, Klingeln, Glockengeläute und vielem mehr, dessen Sinn mehr oder weniger unverständlich blieb und, zumindest mir, nicht half, den Weg zu Gott zu finden. Bei den Evangelischen hingegen fand ich es geradezu unterkühlt, so sachlich und nüchtern, daß ich mich auch dort Gott nicht nahe fühlte, von Begeisterung ganz zu schweigen.

Mich konnte weder der eine noch der andere Kirchgang für Gott erwärmen. Ich verstand nicht, daß die rituellen Gepflogenheiten hier und dort so sehr voneinander abwichen. Ich dachte: „Wenn es doch nur einen Gott geben soll, warum die Unterschiede in den Gottesdiensten?“ Bald dachte ich in der katholischen Kirche auch über das Orgelspiel und die Chorgesänge nach.

Trotz des vielen Nachdenkens und Vergleichens paßte sich das Mädchen Gabriele den katholischen Gepflogenheiten an. Ich dachte: „Ich darf nicht ausscheren, nicht anders sein als die anderen. Es muß doch eine Lebensgemeinschaft sein, der sie und ich angehören.“ Alle kirchlichen Regeln machte ich mit, doch ich dachte, sah und hörte. Ich wollte lernen, wie man gut ist.

Schon als Schulmädchen hatte ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Mit diesem unbestechlichen Wahrheitsbewußtsein machte ich es meiner Mutter nicht immer leicht, auf mich, ihr Kind, einzugehen. Wenn ich merkte, daß jemand anders redete, als er dann handelte, war ich so bestürzt, daß ich immer wieder darüber sprach, daß das nicht richtig, nicht rechtens sei.

Ein Jahr reichte dem anderen die Hand. Ich wurde älter und reifer. Die Eigenständigkeit im Denken und Leben erwachte immer mehr. Sie ist bis heute geblieben.

 

Im Alltag erlebte ich Priester, die sich ganz offensichtlich den Maßstab ihrer Predigten selbst nicht zu eigen machten, die im Wirtshaus und bei Festgelagen die Speisen gierig in großen Mengen verschlangen, große Worte machten und ihr „priesterliches“ Ich in mancherlei selbstherrlichen Reden und überheblichen Wertungen gegenüber Mitmenschen darstellten. Im Alltag erlebte ich den Organisten und jene Mitmenschen, die im Kirchenchor die heiligsten Lieder sangen, wie sie in ihrem Privatleben genau das Gegenteil von dem taten, was sie im Kirchenchor einstudierten und als heiligsten Lobpreis den Gläubigen zusangen.

Das Schulmädchen, das so gern gut sein wollte und immer nach der Gerechtigkeit verlangte, konnte das alles nicht einordnen. Es arbeitete in mir, ich mußte mir mit Worten Luft machen. Wer mußte es über sich ergehen lassen? Natürlich meine Mutter! Sie antwortete: „Wir alle sind Menschen. Jeder von uns sündigt und hat mehr oder weniger seine Schwächen.“ Aufmüpfig, wie ich nun mal war, fiel ich ihr ins Wort: „Aber Gott ist doch kein Mensch!“ Ohne mich um ihren leicht zurechtweisenden Blick zu kümmern, fuhr ich fort:

„Gott müßte doch eigentlich über dem stehen, was die Gläubigen, die alle Sünder sind, ‚zu Seiner Ehre’ tun. Müssen die Sünder denn Gott mit so viel Drumherum, mit Kniefällen, mit heruntergeleierten Gebeten und anderem dienstbeflissenem Getue gnädig stimmen? Oder will Gott etwa von uns Sündern mit dieser ganzen Schau und Darstellung, mit so vielen Gebeten, die nur heruntergeplappert werden, mit Schellenklingen und, und, und gelobt und gepriesen werden? Heißt das gar, Ihm Ehre und Dank zu erweisen? Ist Gott denn ein Tyrann, der die unterdrückt, die Ihm nicht huldigen? Ist Gott ein Rächer, der alle, die das alles nicht mitmachen wollen, auf ewig verdammt?“ Damals dachte ich so und sprach ganz unverblümt aus, was ich dachte, ganz im kindlichen Jargon. Das Gesicht meiner Mutter rötete sich. Sie wußte keine andere Antwort als die, daß sie mich an die Hand nahm und mich zur Gartenarbeit aufforderte.

Um meine abwegigen Gedanken wissend, beschlich mich plötzlich die Angst, dieser „Gott“ könnte mich nun bestrafen und in die Hölle werfen. Das Schulmädchen Gabriele dachte z.B.: „O weh! Wenn ich nur nicht bald sterben müßte! Wenn ich nur bei meinen Eltern bleiben könnte! Und wenn nur meine Eltern nicht sterben müßten, denn ich habe sie und sie haben mich lieb.“

Ich erinnerte mich an meine Kinderstreiche, die mein Vater immer wieder ansprach. Er ermahnte mich, dies und jenes zu unterlassen und mich vor den Folgen warnte, indem er sinngemäß sagte: „Wenn du nicht hörst, wirst du es eines Tages fühlen müssen.“ Und er hatte mir ein Beispiel gegeben: „Wenn die Herdplatte sehr heiß ist und du trotzdem unbedingt deine Hand auf sie legen willst, so kannst du das zwar tun, aber dann wirst du’s eben schmerzhaft zu spüren bekommen. Ähnliches gilt für die vielen Dinge, die du trotz unserer Ermahnungen nicht unterläßt.“

Seine Worte waren aus der Sorge um mich gesprochen, doch ungeachtet dessen war seine Liebe zu mir, seinem Kind, geblieben. Ich dachte: „O, mein Vater ist gut im Vergleich zu Gott, der mich bestraft, wenn ich nicht tue, was Er will.“

Ich nahm mir immer wieder mal vor, aufzuhören zu denken, aufzuhören, Vergleiche zu ziehen und mit meiner Schulfreundin, die evangelisch war, über Gott zu sprechen. Ich merkte, daß sie mir, wenn ich es tat, unwillig Antwort gab. Plötzlich brach es heftig aus ihr heraus, sie schrie mich an: „Was hast du denn bloß immer mit deinem Gott? Bei uns zu Hause ist von Ihm sehr selten die Rede. Meine Eltern gehen nicht oft in die Kirche und ich auch nicht. Sie zwingen mich nicht, zu beten oder einen Gottesdienst zu besuchen. Sie sind nicht so ‚heilig’ und fromm wie deine Eltern und du.“

Ich erwiderte: „Ich bin nicht fromm. Ich will nur wissen, ob ihr“ – ich meinte die Evangelischen – „einen anderen Gott habt, weil ihr anders betet, weil eure Gottesdienste ganz anders ablaufen und auch eure Gebetsstunden. Ihr betet nicht den Rosenkranz, und die Mutter Maria ist euch offenbar ganz einerlei. Anscheinend müßt ihr euren Gott mit nicht so viel ‚Drumherum’ gnädig stimmen, oder ihr seid nicht so große Sünder wie die Katholiken, die auch noch Heilige haben, die man ebenfalls gnädig stimmen muß.“ Meine Freundin antwortete: „Das weiß ich nicht. Laß mir doch meine Ruhe mit dem allem! Komm – wir gehen spielen!“

Natürlich ging ich mit zum Spielen, zum Radfahren, zum Baumklettern, zum Wettlauf, in das Freibad zum Schwimmen, zum Rollschuhfahren, im Winter zum Schlittschuhfahren und vielem mehr. Doch es ließ mir keine Ruhe – ich dachte und dachte und überlegte und überlegte. Immer wieder kreisten meine Gedanken um Gott und die Kirche, vor allem dann, wenn ich in der heiligen Messe die Rituale mitmachen mußte. „Da stimmt doch etwas nicht! Dieses ganze Schauspiel, das in der Kirche veranstaltet wird, die Verkleidung der Geistlichen zu den verschiedenen Anlässen, immer müssen sie sich unbedingt aus dem Volk herausheben; dann das störende Geklingle während der Messe, wenn man beten möchte, und so fort, und das alles, wie sie sagen, zur Ehre Gottes!“ Einmal stutzte ich ganz plötzlich, und mir kam die Frage: „Ist Gott überhaupt gut?“ – wobei ich, wie gesagt, nicht so recht wußte, was „gut“, als Ganzes und in Bezug auf Gott gesehen, bedeutet.

„Liebe“, so dachte ich, „ist gut. Doch wie groß kann Gottes Liebe schon sein, wenn Er die ewige Verdammnis und Höllenpein für uns, Seine Kinder, bereithält!? Und wie sieht es mit Seiner Erhabenheit und Größe aus, wenn Seinetwegen so viel Aufwand und Pomp erforderlich sind und so viel Katzbuckelei und Unterwürfigkeitsbezeugungen Ihm entgegengebracht werden müssen, um Ihn in Seiner Größe und in Seiner Allmacht zu bestätigen!“

„Und warum“, dachte ich, „muß so viel Geld ausgegeben werden Seinetwegen, wo doch viele, viele Kinder in ärmeren Ländern hungern, krank sind und keine Schule besuchen können, weil die finanziellen Mittel nicht ausreichen?“

Solche Gedankengänge liefen immer wieder in mir ab. Ich dachte und dachte und fragte mich z.B.: „Verlangt Gott auch, daß die Kirchenbauten mit Gold und Edelsteinen verbrämt sein müssen? Und dabei wohnen doch so viele Menschen in ärmlichsten Verhältnissen und haben oftmals kaum Nahrung.“

 

Plötzlich erinnerte ich mich an meine Kleinkindertage, als Mutter am Abend an meinem Bett gesessen und mit mir zum Vater im Himmel gebetet hatte. Ja, sie hatte zu „Gott im Himmel“ gebetet. Das warf nun für mich, das Schulmädchen, das allmählich in das Jugendalter hineinreifte, die Frage auf: „Wo wohnt Gott denn nun eigentlich? Wohnt Er gar nicht im Tabernakel, wie immer gesagt wird, sondern im Himmel?“ Die Erinnerung an die damaligen Gebete mit meiner Mutter regten mich erneut zum Denken an:

„Wenn Gott im Himmel wohnt, wozu dann die Prunkbauten, die Kirchen? Und wozu dann der Tabernakel? Ist dies alles nicht total überflüssig?“ Diese und weitere Ungereimtheiten gingen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich dachte und dachte.

Obwohl ich in der Schule und im Elternhaus nur den einfachen Kirchenglauben gelehrt bekommen hatte, stellte ich mir weiterhin solche und ähnliche Fragen bezüglich des Geschehens in der Kirche. Antworten fand ich nicht. Letztlich blieb es für mich vorerst bei Selbstgesprächen, die immer wieder mit Kopfschütteln und Achselzucken endeten.

 

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