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Nachdenkenswertes aus Dostojewskis
„Großinquisitor“.



Daß die Freiheit ein fundamentales Gut ist, daß es ein folgenschwerer Eingriff in die Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit des Menschen für sein Leben war, als die Kirche ihm die Freiheit nahm und ihn – „im Namen des Christus“ – an sich band, daß es die Aufgabe des Menschen ist, während seines Erdenlebens durch Gebrauch der freien Entscheidung aus Abhängigkeit, Sklaverei und Umnachtung wieder zur inneren Freiheit, zur inneren Stärke in Gott zu finden, wird auch deutlich bei der Lektüre von Dostojewskis Erzählung „Der Großinquisitor“. (Zitate aus: "Der Großinquisitor" von F.M. Dostojewski, Insel-Bücherei Nr. 149, Insel Verlag, 1. Aufl. 1914)

Es ist beeindruckend zu lesen, wie dieser ungebundene christliche Freiheitsdenker das menschenverachtende System durchschaut hat, wie er die Begrenztheit des dort waltenden Bewußtseins darlegt, das die Realität des ewigen Geistes, die Realität Gottes – Seine Allmacht, Seine Weisheit, Güte und Barmherzigkeit – in den Plan nicht mit einbezieht.

Dostojewskis Aussagen geben auch Zeugnis von der Kraft und Tiefe seines Glaubens. Im Folgenden daraus einiges Nachdenkenswerte.

Der Großinquisitor spricht u.a. zu Jesus:

„...die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? ...

Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod sogar dem Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts aber peinigt ihn auch mehr. ...

Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? ...

Und sie werden uns anstaunen und darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen – so entsetzlich wird es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden, daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen ...

Wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von ihm annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde ausbreitete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars empfangen und uns als die Herren der Erde erklärt, die einzigen ...

Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen, wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit für alle Zeiten besiegt und sind ihm nachgefolgt. O gewiß, es werden noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen, Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei – denn wenn sie ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem wird geschrieben stehen: Geheimnis ...

... die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder. Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren Händen haben ...

Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen ...

Wir werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und sich uns ergeben ...

Dein Wunsch war die freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten, sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden, was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist, drücken muß? ...

Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie werden zaghaft werden und zu uns aufblicken und sich an uns schmiegen in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn zittern ...

Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen, denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen, und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben. Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens – alles, alles werden sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem großen Kummer und der Qual der persönlichen und freien Entscheidung entbunden hat ...

In Frieden werden sie sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung ...

Es heißt und wurde verkündet, daß Du wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit Deinen Auserwählten, mit den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß sie sich selber, wir aber alle erlöst haben ...“

 

Und abschließend sagt der Großinquisitor:

„Das, was ich zu Dir gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden ...

... wenn jemand lebt, der mehr als alle Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen.“

Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: „Gehe hinaus und kehre nicht wieder – kehre nie wieder – nie, nie!“ ...

 

Der Großinquisitor irrt! Der Sieger ist Christus. Sein Wille wird geschehen, wie im Himmel, so auch auf Erden. Und Sein Reich kommt!

 

Liebe Freunde, liebe Leser,

Christus, der Gute Hirte, ist immer für alle Seine Schafe da. Jedem geht Er nach, auch wenn es sich in den Dornen des Allzumenschlichen verfangen hat oder gar „unter die Räuber“ gefallen ist. Ganz gleich, ob es ein weißes, ein gelbes, ein rotes oder ein geschecktes Schäfchen ist – oder eines derer, die Er Seine „schwarzen Schäflein“ nennt. Jedes möchte Er in die Freiheit und nach Hause führen.

Liebe Freunde, denken Sie mit, überlegen Sie, und treffen Sie frei Ihre Entscheidung!

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