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 Das unheilige Leben der „heiligen Väter“. Das Ausmaß der Sexualverbrechen durch Kirchenfunktionäre kommt mehr und mehr ans Tageslicht

Sie lesen nun den Inhalt der 9. Folge der Sendereihe: »Für gute Analytiker – Wer sitzt auf dem Stuhl Petri?«. Nachdem es das vorige Mal darum ging, wie es mit der „Heiligkeit“ der sogenannten „Heiligen“ bestellt ist, wenden wir uns nun einer anderen Personengruppe zu, die sich als „heilig“ bezeichnet; es sind die sogenannten „heiligen Väter“. Gerade im Jahr 2005 ist ja aufgrund verschiedener großer Medienspektakel das Wort „Heiliger Vater“ in allen Medien zu hören gewesen. Viele unserer Zuhörer haben uns gebeten, einmal diese „heiligen Väter“ in der Vergangenheit und auch bis hinein in die Gegenwart zu beleuchten. Wir kommen diesem Wunsch gerne nach und befassen uns heute also mit dem Leben und dem Wirken der sogenannten „heiligen Väter“.
Blicken wir in die Geschichte, so ragt schon im 4. Jahrhundert ein Vertreter dieser sogenannten „heiligen Väter“ heraus, einer, der nicht nur Papst war, sondern auch heiliggesprochen wurde, was ja durchaus nicht bei allen Päpsten der Fall ist, nämlich Damasus I. Näheres über ihn ist z.B. im zweiten und dritten Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karlheinz Deschner zu lesen: Damasus regierte 18 Jahre lang in Rom von 366 bis 384; das war für die damalige Zeit sehr lange. Schon die Umstände seiner Machtergreifung waren allerdings äußerst gewaltsamer Natur: Er verfügte über gewisse Geldmittel und mietete sich eine regelrechte Schlägertruppe aus Fuhrmännern, Zirkusleuten und Totengräbern und befahl dieser Meute, eine Kirche zu stürmen, die in Rom an der Stelle der heutigen Basilika Santa Maria Maggiore steht. In dieser Kirche hatten sich nämlich seine Gegner verschanzt. Es gab einen Gegenpapst, namens Ursinus. Die Schlägertruppe des Damasus stürmte also die Kirche, zündete sie an und erschlug über 100 Anhänger der Gegenseite. Solche Vorkommnisse ereigneten sich übrigens in der Kirchengeschichte relativ häufig. Es war keine Seltenheit, daß man Meinungsverschiedenheiten unter angeblichen Christen auf derartige Weise austrug.
An den Händen von Papst Damasus klebte somit reichlich Blut, wie auch an den Händen vieler Päpste nach ihm. Er ließ auch sogenannte Häretiker gnadenlos verfolgen und spannte hierfür den Staat ein. Damasus war jedoch noch auf andere Weise bemerkenswert: Er führte ein Luxusleben. Der römische Geschichtsschreiber Amianus Marcellinus berichtet darüber: „Er fährt nur noch in Kutschen einher, ist prunkvoll gekleidet und läßt sich so reichliche Schmäuse herrichten, daß seine Tafel selbst ein Königsmahl in den Schatten stellt.“ Karlheinz Deschner schreibt in seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Karlheinz Deschner, „Kriminalgeschichte des Christentums“, Band 3, S. 496) unter anderem noch folgendes über ihn: „Durch seine Vertrautheit mit reichen Christinnen profitierte der »Ohrenkitzler der Damen«“ – so hat man ihn damals genannt – „derart, daß an ihn 370 ein Kaiserreskript erging, das energisch die Erbschleicherei des Klerus verbot.“ Damasus war also ein erfolgreicher Erbschleicher. Der Kaiser gab einen Erlaß heraus, mit dem er verbietet, „Geistlichen und Mönchen, die Häuser der Witwen und Waisen aufzusuchen, und erklärt sämtliche Schenkungen und Vermächtnisse von diesen sowie anderen Frauen, die unter religiösem Vorwand das Opfer erpresserischer Priester werden sollten, für ungültig“. (Karlheinz Deschner, a.a.O., Bd. 3, S. 505) Allerdings wurde diese Anordnung schon 20 Jahre später wieder aufgehoben. Jetzt ist die Frage: Weshalb wurde Damasus heiliggesprochen? – Wohl nicht wegen dieser Kaskade von Verbrechen, sondern: weil er Hieronymus beauftragte, die Bibel neu herauszugeben. Wir wissen ja, daß dieser dabei etliche Veränderungen vornahm, die im Sinne der Kirche waren. Das ist wohl das Verdienst, das seinem Auftraggeber, Papst Damasus, die Heiligsprechung eingebracht hat.
Schaut man etwas genauer in die fast 2000jährige Papstgeschichte, so findet man viele Päpste, die mit Verbrechen aller Art behaftet waren. Von einem ausschweifenden Leben mit vielen Mätressen, über Inzest und Simonie bis hin zu Meuchelmord und Totschlag ist so ziemlich alles anzutreffen. Fahren wir fort mit Innozenz I.: Von ihm ist überliefert, daß er sich mit Vorliebe mit jungen Mädchen vergnügt haben soll. Auch von Sixtus III. ist Ähnliches zu verzeichnen. Unter anderem ließ er, Berichten zufolge, die reife Nonnenschaft an seiner Manneskraft teilhaben. Laut Autor Nigel Cawthorne, dessen „Skandalchronik des Vatikans“ (Nigel Cawthorne, „Das Sexleben der Päpste - Die Skandalchronik des Vatikans“, 1999, Benedikt Taschen Verlag GmbH, engl. 1996) wir diese Beispiele entnahmen, kam er dafür sogar vor Gericht. Als der Papst aber das Beispiel von Jesus ins Feld führte, daß, wer ohne Schuld sei, den ersten Stein werfen soll, fand sich keiner der anwesenden Prälaten in der Lage, den ersten Stein zu werfen. Doch das ist wohl noch eine kleinere Sünde, verglichen mit den Verbrechen von z.B. Papst Johannes XII. Von ihm heißt es: „Er stahl den Kirchenschatz und flüchtete zu den Feinden Roms.“ Dafür wurde er von der Synode durch Leo VIII. ersetzt. Er kehrte jedoch wieder zurück, setzte sich wieder auf den Stuhl Petri und wurde gewalttätig. Cawthorne berichtet: „Er schnitt dem Kardinaldiakon Nase, Zunge und zwei Finger ab, häutete Bischof Otger, schnitt Notar Azzo den Kopf ab und enthauptete 63 Geistliche und Adelige Roms.“ Doch dann kam sein Ende. Wörtlich: „Im Verlauf der Nacht des 14. Mai 964, während er verbotenen und schmutzigen Verkehr mit einer römischen Matrone hatte, wurde er vom wütenden Ehegatten der Matrone im Akt der Sünde überrascht und mit einem Hammer erschlagen.“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 80)
Nun geht es um zwei Päpste, die – zufällig – den gleichen Namen tragen wie der derzeit amtierende Inhaber des Stuhles Petri. Zunächst zu Benedikt VIII.: Er konnte nur Papst werden, weil er zuvor seinen Vorgänger ermordete. Der Erzbischof von Narbonne beschuldigte ihn des Meuchelmords, des Wuchers, des Einsatzes von Gewalt zur Erlangung von Beichtgeheimnissen, des Lebens im Konkubinat mit zweien seiner Nichten, sowie Kinder von ihnen zu haben, und der Verwendung von Ablaßgeldern, um einen Krieg zu finanzieren. Papst Viktor III. erwähnte noch „Vergewaltigungen, Morde und andere Abscheulichkeiten“, und auch Bischof Beno klagte ihn vieler Ehebrüche und Morde an. (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 91) Von Benedikt IX. ist überliefert, daß er mit seinen soeben 12 Jahren wohl einer der jüngsten Päpste auf dem Stuhl Petri war. Er habe schon „früh eine Neigung zu allen Arten der Lasterhaftigkeit gezeigt“, heißt es. „Er war bisexuell veranlagt, hatte Geschlechtsverkehr mit Tieren und ordnete Morde an. Außerdem beschäftigte er sich mit Hexerei und Satanismus.“ Ein zeitgenössischer Beobachter schrieb: „Ein Dämon aus der Hölle hat sich in der Verkleidung eines Priesters auf den Stuhl Petri gesetzt.“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 92) Benedikt IX. veranstaltete im Lateranpalast homosexuelle Orgien, verkaufte das Papstamt an seinen Taufpaten, wohnte aber weiterhin im Lateranpalast und verwandelte diesen in ein Bordell. Könnte das, was der zeitgenössische Beobachter schon vor 1000 Jahren über Benedikt IX. sagte, eventuell eine Antwort auf den Titel unserer Sendereihe „Wer sitzt auf dem Stuhl Petri?“ sein?: „Ein Dämon aus der Hölle hat sich in der Verkleidung eines Priesters auf den Stuhl Petri gesetzt.“
Gehen wir weiter zu Silvester II. Er unterbrach nur für 2 Monate das Pontifikat von Benedikt IX. Man beschuldigte auch ihn bald, „dem Satan näher zu stehen als Christus“. Er hinterließ viele Bücher über Zauberei. (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 93) Über Anaklet II. heißt es: Er soll blutschänderische Beziehungen zu seiner Schwester und anderen Verwandten gepflegt haben, sich obendrein eine Prostituierte als Geliebte gehalten und Nonnen vergewaltigt haben. (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 105) Paul II. „sah es gerne, wenn nackte Männer auf die Folter gespannt und gemartert wurden. Er starb angeblich an einem Herzinfarkt, während er mit einem seiner Lieblingsknaben Verkehr hatte.“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 171) Innozenz VIII. durfte man getrost „Vater“ nennen, hatte er doch acht uneheliche Söhne und ebensoviele uneheliche Töchter. Der einzige Unterschied zu den meisten anderen Päpsten ist, daß er sich offen dazu bekannte und sie nicht als Neffen und Nichten ausgab, wie es sonst üblich war. Von einem seiner Söhne heißt es: „Er streifte nachts durch die Straßen, brach in Häuser ein und vergewaltigte jede Frau, die ihm gefiel. Von seinem Vater, dem Papst, sei er dafür nie getadelt worden.“ 1489 besuchte Erzbischof Morton die Abtei St. Albans und stellte fest, daß die Mönche die Nonnen an die Luft gesetzt hatten, um an ihrer Stelle Prostituierte aufzunehmen. Das Kloster sei ein „Meer von Samen und Blut“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 178), berichtete er dem Papst. Doch Innozenz VIII. meinte, es sei reine Zeitverschwendung, dagegen vorzugehen. Denn selbst in der Kurie würde man wohl kaum einen Priester ohne Konkubine finden. Innozenz VIII. erteilte die Druckerlaubnis für das Buch „Der Hexenhammer“ und verlieh dem Dominikanermönch Heinrich Institoris, der es verfaßt hatte, die höchste Vollmacht als Inquisitor. Dadurch brachte er unzähligen Menschen einen schrecklichen Tod.
Gehen wir einige Jahre weiter zu Alexander VI., dem Nachfolger von Innozenz VIII. Er machte den Stuhl Petri endgültig zum Sündenpfuhl – wobei man sich hier vielleicht streiten kann, ob er es nicht schon vorher war. Nicht nur, daß er jede Nacht 25 der schönsten Freudenmädchen Roms zu sich befahl, er hatte angeblich noch genügend Ausdauer, um seine Tochter Lucretia zu schwängern und es mit deren Mutter und Großmutter zu treiben. Viele Giftmorde gehen auf sein Konto. Dem ausschweifenden und mörderischen Leben seines Sohnes Cesare, den er zum Kardinal gemacht hatte, bot er keinen Einhalt. Den Propheten Savonarola aus Florenz ließ er töten, weil dieser seinen Lebensstil kritisierte. Der zeitgenössische Historiker, Thomas Tomasi, protokollierte: „Es wäre nicht möglich, all die Morde, die Vergewaltigungen und die Fälle von Blutschande aufzuzählen, die jeden Tag am Hof des Papstes begangen werden. Das Leben eines Menschen ist nicht lang genug, um die Namen aller ermordeten, vergifteten oder bei lebendigem Leibe in den Tiber geworfenen Opfer zu merken.“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 214)
Gerade war von Rodrigo Borgia die Rede, dem späteren Alexander VI., und man fragt sich: Wie wird denn ein solcher Mensch Papst? Denn sein Privatleben war ja vorher schon bekannt. Jedermann wußte doch, wessen Geistes Kind der Mann war. Das können wir bei Nigel Cawthorne lesen, der eine „Skandalchronik des Vatikans“ zusammenstellte und darin alle noch verfügbaren Quellen zitierte. Es wurde bereits geschildert, wie Papst Damasus an die Macht kam: durch Gewalt. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, an die Macht zu kommen – so schreibt Nigel Cawthorne: „Rodrigo Borgia war unter vier Päpsten Vizekanzler und hat in dieser Position ungeheuren Reichtum angehäuft. Die von ihm gebotenen Bestechungsgelder waren atemberaubend. Im Jahre 1492, als das Konklave für die Papstwahl stattfand, verschenkte er reiche Abteien und ganze Städte, wenn es um die Stimme eines einzelnen Kardinals ging. Manche Kardinäle wollten Paläste, andere wollten Burgen oder Land oder Geld.“ Im Folgenden die Zusammenstellung einiger Beispiele, die damals aufgeschrieben wurden: Z. B. verkaufte der Kardinal Orsini seine Stimme für die Burgen Montecelli und Sariani; Kardinal Ascanio Sforza wollte vier Maultierladungen Silber und das lukrative Kanzleramt der Kirche, um seine Zustimmung zu garantieren. Der Kardinal Colonna bekam die reiche Abtei Sankt Benedikt mitsamt aller dazugehörigen Domänen und Patronatsrechte für sich und seine Familie auf ewige Zeiten. Der Kardinal von Sankt Angelo verlangte das Bistum Porto, die dortige Burg und einen Keller voll Wein. Alle hier Genannten erhielten das Gewünschte, doch es fehlten noch einige Stimmen. Kardinal Savelli erhielt die Civita Castellana, also eine ganze Stadt. (nach Nigel Cawthorne, a.a.O.) Die ausschlaggebende Stimme gehörte einem venezianischen Mönch. Er wollte lediglich 5000 Kronen und eine Nacht mit Rodrigos Tochter, der reizenden 12jährigen Lucrezia. Auch das wurde ihm gewährt. Mit der Stimme von 22 Kardinälen in der Tasche wurde Rodrigo zum Papst Alexander VI. erhoben. Gleichzeitig wurde sein lasterhafter 17jähriger Sohn Cesare zum Erzbischof von Valencia ernannt, der seinerseits wenig später vom Papst, also von seinem Vater, den Kardinalshut erhielt.
Wenn wir erfahren, was über das Zustandekommen der Papstwahl bekannt ist und wie die einzelnen Päpste den Stuhl Petri erstiegen – durch Mord, durch Bestechung, Stimmenkauf und Intrigen –, dann wird eines vollends fragwürdig: Bis heute beruft sich jeder Papst darauf, er sei lückenlos durch seine Vorgänger der unmittelbare Nachfolger Petri. Die Vorgänger, die angeblich diese Kette bis zu Petrus bilden, sind zum Teil auf so anrüchige Weise zu Päpsten geworden, wie eben geschildert. Kann sich da eigentlich ein Papst von heute, von gestern oder vorgestern darauf berufen, es gebe so etwas wie eine legitime Sukzession von Nachfolger zu Nachfolger, wenn die Zwischenglieder doch durch Mord und Totschlag auf den Papstthron kamen? Demnach beträfe die Frage, wie die einzelnen kirchlichen Machthaber den Stuhl Petri erklommen haben, nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart. Immerhin wäre also die Berufung auf die Tradition in diesem Punkt doch auch eine ganz interessante Tatsache, die zeigt, wem sich auch die heutigen sogenannten „heiligen Väter“ in der Tradition verbunden fühlen ... Die Frage der apostolischen Sukzession ist ohnehin eine Schimäre, weil die Bischofslisten des ersten Jahrhunderts ausnahmslos gefälscht sind. Und selbst wenn – damals schon – ein Bischof in Rom existiert hätte, wenn dieser Bischof Petrus geheißen hätte, was auch historisch nicht nachweisbar ist, dann wissen wir aus den vergangenen Sendungen, daß diese Bischöfe damals noch nicht die Gemeinden leiteten, sondern sie waren die Verwalter der Kassen und die Aufseher über die Vorräte. Diese hatten gar keine spirituelle Aufgabe und auch keine spirituelle Ausstrahlung. Also ist das Ganze von vorne bis hinten erfunden.
Kehren wir zurück zu den „Heiligen Vätern“ und weiteren Einzelheiten aus ihren „Traditionen“: Eine bessere Moral als viele seiner Vorgänger hatte auch Paul III. nicht Auch hier verzweifelte ein zeitgenössischer Kommentator an der Aufgabe, „die vielen ungeheuren und schrecklichen Elternmorde, Diebstähle, Hexereien, verräterischen Taten, Tyranneien, Inzeste und beispiellosen Hurereien dieses Papstes aufzuzählen“. (Nigel Cawthorne, a.a.O.) In der Tat vergiftete dieser Papst seine Mutter und seine Nichte, um an das gesamte Erbe der Familie zu gelangen. Er vergiftete noch andere, die nicht sofort seiner Meinung waren. Zudem ist bekannt, daß er seine Schwester tötete, Blutschande mit einer seiner eigenen Töchter beging und deren Mann vergiften ließ, um sich ungenierter vergnügen zu können. Darüber hinaus soll er viele tausend Huren gehalten haben, die ihm monatlichen Tribut entrichteten. Und Paul III. ist nicht der einzige Papst, der Bordelle einrichtete und sich daran bereicherte. Paul III. verfolgte die Protestanten mit schonungsloser Brutalität. Es heißt, sein Sohn und sein Enkel hätten bei einem Krieg gegen die Lutheraner so viel Blut vergossen, daß die Blutströme tief genug waren, daß Pferde darin hätten schwimmen können. Ein Chronist seiner Zeit schrieb: „Während diese Metzeleien stattfanden, schwelgte der Papst mit seiner Tochter Constanza in sinnlichen Freuden.“ (Nigel Cawthorne, a.a.O., S. 252 )
Man könnte natürlich einwenden, das seien Einzelfälle aus der Renaissance-Zeit, die ja für solche Dinge berüchtigt war. Doch betrachten wir nur einmal die beiden größten Päpste der Antike, die nicht nur heiliggesprochen, sondern auch zu Kirchenlehrern ernannt wurden, nämlich Leo den Großen und Gregor den Großen (beide mit dem Beinamen „der Große“!). An ihren Händen klebte ebenfalls sehr viel Blut. Leo der Große (Amtszeit 440 – 461) ließ, wie in einer vorhergehenden Sendung bereits erwähnt, mit blutrünstigen Gesetzen die sogenannten Häretiker verfolgen und befahl den Katholiken, sie sollten die Nicht-Katholiken meiden „wie todbringendes Gift“. Sie sollten nicht einmal mit ihnen sprechen, keine Gemeinschaft mit ihnen haben. Er hetzte also gegen Andersgläubige und ließ sie umbringen. Gregor „der Große“ (Amtszeit 590 – 604) förderte nicht nur Aberglauben und Höllenfurcht, rechtfertigte nicht nur die (auch in Kirchenkreisen übliche) Sklaverei und die Folter gegen Andersgläubige, er umjubelte auch den Thronräuber Phokas, der den byzantinischen Kaiser Maurikios mitsamt seiner ganzen Familie ermordet hatte, als „Sendboten des barmherzigen Gottes“. (Karlheinz Deschner, „Kriminalgeschichte des Christentums“, Bd. 4, S. 196)
Angesichts der Fülle unglaublicher und grausamer Verbrechen, die die Inhaber des Stuhles Petri im Laufe der Geschichte begingen, fragt man sich, ob denn nie einer von ihnen zur Rechenschaft gezogen wurde. Hier ist auf das Buch mit dem Titel „Strafsache Vatikan – Jesus klagt an“ zu verweisen. Dieses Buch, geschrieben von Uli Weyland, beinhaltet die Anklage gegen 46 der Inhaber des Stuhles Petri und zeigt ihre Verbrechen auf, die vom Amtsmißbrauch über Erpressung, Fälschung und Justizmord bis hin zur Unterstützung krimineller Vereinigungen und Kriegsverbrechen gehen. Die Inhaber des Stuhles Petri schreckten auch nicht vor Verstößen gegen die Menschenrechte zurück, vor Volksverhetzung und Völkermord. In diesem Buch klagt Jesus selbst an, was die Inhaber des Stuhles Petri in Seinem Namen getan haben, was jedoch in krassem Widerspruch zu Seiner Lehre steht. Ein sehr spannendes Buch für alle, die sich über den Hintergrund des Stuhles Petri informieren möchten.
Doch die Päpste haben sehr gut vorgebaut, daß ihnen kein Gerichtsprozeß gemacht werden kann, daß sie für ihre schändlichen Taten nie zur Verantwortung gezogen werden können. Im Codex Juris Canonici – dem Gesetzbuch der katholischen Kirche – heißt es unter § 1404: „Der Papst kann von niemandem vor Gericht gezogen werden.“
Die Sicherheit, nicht vor Gericht gezogen werden zu können, scheint auch die heutigen Kirchenfürsten zu ermutigen, recht großzügig mit der Rechtsordnung umzugehen. Dies zeigt ein Erlaß des jetzigen Papstes und vormaligen Kardinals Josef Ratzinger, der sich auf die Verbrechen der Priester der Katholischen Kirche bezieht, die an Kindern begangen wurden. In diesem Erlaß ist festgelegt, daß diese Untaten zunächst geheim bleiben müssen, bis das mißbrauchte und geschändete Kind volljährig geworden ist, und auch danach muß noch zehn Jahre gewartet werden. Es handelt sich um nichts anderes als um die Behinderung der staatsanwaltschaftlichen Strafverfolgungsmaßnahmen. Das ist im deutschen Recht, sicher auch in Italien und in anderen europäischen Staaten, strafbar. Wäre der Papst bei seinem Besuch des Weltjugendtages nicht als Staatsoberhaupt nach Deutschland gekommen, so hätte der Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren einleiten müssen, und Papst Benedikt XVI. hätte riskiert, daß man ihn vielleicht sogar verhaftet. Wie man hört, ist jetzt in den Vereinigten Staaten ein solches Verfahren tatsächlich angelaufen: In einer Schweizer Zeitung, „Blick online“, vom 17. 8. 2005 steht unter der Überschrift „Papst sucht Schutz bei Bush“ zu lesen: „In Texas läuft ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Knaben, und auf der Anklageliste“, es muß eine längere Liste sein – „sticht ein Name heraus, »Josef Ratzinger«“. Und dann kommt es: „Eigentlich ist klar, Papst Benedikt XVI. ist nicht nur Oberhaupt der Katholischen Kirche, er gilt auch als Staatsoberhaupt und genießt somit diplomatische Immunität. Dennoch gelangten seine Anwälte in einer delikaten Sache an den US-Präsidenten. Sie haben George W. Bush, selber streng gläubig, um Immunität für den Pontifex gebeten, denn der heutige Papst wird in einem Zivilverfahren in Texas angeklagt. Im Prozeß geht es um die sexuelle Mißhandlung von drei Jungen durch einen Priesteranwärter. Die Kläger werfen Ratzinger vor, als damaliger Leiter der Glaubenskongregation gemeinsam mit dem Erzbistum Galveston-Houston die Vorfälle in den Neunzigerjahren vertuscht zu haben. Und der Anwalt eines Opfers“, so schreibt die Zeitung, „berief sich dabei auf einen Brief Ratzingers aus dem Jahr 2001, darin heiße es, daß alle schweren Vergehen, wie der Mißbrauch von Minderjährigen, von Ratzingers Kongregation behandelt werden sollen.“
Wir haben uns jetzt aus der Vergangenheit in die Gegenwart bewegt. Das unmoralische Verhalten von Kirchenfunktionären ist also nicht nur ein historisches Faktum, sondern eine über die Vergangenheit hinaus gültige Tatsache. Worum es heute geht, ist „Mißbrauch von Kindern“. Das klingt relativ harmlos. Wenn man es im Klartext ausspricht und nicht in der Verbrämung durch die Katholische Kirche, so handelt es sich dabei um Sexualverbrechen von Kirchenfunktionären an Minderjährigen und Abhängigen oder um Kinderschändung. Wenden wir uns im Folgenden dieser in der Katholischen Kirche verbreiteten „Tradition“ zu, um das Ausmaß dieser Verbrechen und kurz auch die Auswirkung dieser Verbrechen auf die unschuldigen Opfer zu beleuchten.
Man weiß, hier geht es nicht um Einzelfälle, sondern es sind Tausende von Priestern, die sich der sexuellen Kinderschändung schuldig gemacht haben. In „Spiegel online“ vom 17. 2. 2004 kann man nachlesen, daß ein offizielles Gutachten im Auftrag der Amerikanischen Bischofskonferenz ergeben hat, daß sich – allein in den USA – zwischen 1950 und 2002 fast 4500 Priester an Kindern vergingen. In diesem Zeitraum trafen bei den 195 Diözesen 10.667 Klagen ein. Man kann davon ausgehen, daß diese Zahl viel zu niedrig ist, denn die meisten dieser Mißbrauchsfälle kommen gar nicht an das Licht der Öffentlichkeit. Von den Vertuschungsversuchen war ja soeben bereits die Rede. Gerade in den USA hat sich diesbezüglich ein Kardinal sehr hervorgetan: Bernhard Law. Er hat jahrelang von den sexuellen Mißbräuchen gewußt, ist aber nicht gegen die Täter vorgegangen. Z.B. wurden gegen einen Täter seit den achtziger Jahren Vorwürfe erhoben, doch er wurde immer wieder von Gemeinde zu Gemeinde versetzt. Auch diese Meldung kann man in „Spiegel online“ nachlesen. Und was wurde aus diesem Kardinal, der jene Täter gedeckt hat? Bernhard Law machte Karriere. Im Mai 2004 wurde er zum Erzpriester der römischen Basilika Santa Maria Maggiore ernannt und siedelte nach Rom über. Am 11. April 2005 zelebrierte er im Petersdom eine der Totenmessen für den verstorbenen Papst. Auch war er einer der 115 Kardinäle, die eine Woche später die aktuelle Papstwahl bestritten. Und der frischgebackene Papst Benedikt XVI. stattete diesem Kardinal gleich am 7. Mai einen Besuch in dessen Basilika ab. – Nun, dieser Kardinal verhält sich so, wie es der Stuhl Petri eben anordnet. Denn wie schon erwähnt: Wer die Fälle sexuellen Mißbrauchs an die Öffentlichkeit bringt – so steht es in einem offiziellen Schreiben des Vatikan –, soll mit Exkommunikation bestraft werden. Und wir wissen ja, Exkommunikation bedeutet den Ausschluß aus der Kirche und nach katholischer Lehre die ewige Verdammnis.
Über diese Vertuschungspraxis bezüglich der Mißbrauchsfälle durch katholische Geistliche schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ am 19.8.2003: „Katholische Kirche: Priester sollten sexuellen Mißbrauch verheimlichen. Einem britischen Zeitungsbericht zufolge hat der Vatikan in den 60er Jahren offiziell angeordnet, sexuellen Mißbrauch durch Priester nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Erst vor zwei Jahren hat die Führung der katholischen Kirche diese Anordnung bestätigt. »Die Bischöfe in der ganzen Welt seien 1962 in einem streng vertraulichen Vatikan-Dokument angewiesen worden, solche Vergehen ‚mit größter Geheimhaltung’ innerkirchlich zu verfolgen«, berichtete die Londoner Zeitung »The Observer«. Auch die Opfer des Mißbrauchs sollten unter der Drohung der Exkommunizierung zum Stillschweigen verpflichtet werden. Sie müßten aber innerkirchlich den Mißbrauch anzeigen. Der Vatikan wollte dazu bislang nicht Stellung nehmen.“ Einige Zeilen weiter heißt es dann: „»2001 habe der deutsche Kardinal Ratzinger [Anm.: Mittlerweile ist er Papst Benedikt XVI.] in einem neuen Rundschreiben betont, daß das Dokument noch gültig sei«, schreibt der Observer.“
Man bedenke, was hier abläuft: Die Verbrechen sollen verheimlicht werden gegenüber der Öffentlichkeit, und die Kirche versetzt die schuldig gewordenen Priester nur einfach in eine andere Pfarrei. Was das für die Kinder dort bedeutet, ebenso für die Eltern! Genau betrachtet, ist es eine Ungeheuerlichkeit, daß die Kirche nicht energisch gegen diese Verbrechen vorgeht. Im Folgenden eine Aussage des Theologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller, der zum Teil pädophile Priester behandelt. Wunibald Müller wurde im Jahr 2002 im Mai vom „Spiegel“ interviewt und schiebt den Eltern der Kinder die Verantwortung zu: „Die Eltern mögen doch sehen, wem man seine Kinder anvertraut. Ist der Priester ein erwachsener Mensch, oder hat er ein infantiles Verhalten? Hat er Freunde, oder verbringt er Freizeit und womöglich sogar Urlaub stets mit Jugendlichen? Da würden bei mir die Alarmglocken läuten.“ Der Kirchenmann sagt also, die Eltern sollen doch schauen, ob das ein Priester ist, der in Gefahr steht, möglicherweise Kinder zu mißbrauchen. Es ist unglaublich! Und deshalb rät der bekannte Kirchenkritiker und ehemalige Theologieprofessor Dr. Hubertus Mynarek: „Kinder sollten überhaupt keinen Kontakt zu Priestern haben, denn die Eltern sind damit überfordert, zu beurteilen, ob der Priester möglicherweise pädophil ist oder nicht.“
Wie sieht denn die Realität aus? Einem Bericht aus Irland zufolge wurde ein Jugendlicher im Alter von 16 Jahren von dem katholischen Priester seines kleinen Dorfes mißbraucht. Der Junge vertraute sich seiner Mutter an und sagte ihr: „Er ist gar kein Priester; er tut, was ein Mann einem Mann nicht antun sollte.“ In der Sprache eines Jugendlichen hat er ausdrücken wollen, was ihm zugefügt wurde. Die Mutter jedoch wurde ganz rabiat; sie glaubte ihrem Sohn nicht. In der folgenden Nacht versuchte der Jugendliche, sich umzubringen; nur weil sein Cousin ihn rechtzeitig fand, überlebte er. Sein Cousin wurde aber gleichfalls von demselben Pfarrer mißbraucht und hat sich später tatsächlich das Leben genommen. Dieser Bericht illustriert unter anderem, wie solche Pfarrer vorgehen. Z.B. hat der betreffene Pfarrer in diesem Fall dem Jungen gesagt, in ihm sei das Böse, und er, der Pater, könne es aus ihm vertreiben und ihn zu Gott zurückführen. Dazu müsse der Junge jedoch schweigen. – So ist es einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ vom 17. 1. 2004 zu entnehmen. Einem anderen Jungen sagte der Pfarrer: „Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ich sage es deinen Eltern, oder du kommst noch einmal zu mir.“ Auf diese raffinierte Weise also gehen Priester vor, um Jugendliche an sich zu binden und um zu verhindern, daß sie von dem sexuellen Mißbrauch zu Hause erzählen. Berichten sie zu Hause darüber, so wird ihnen in vielen Fällen leider nicht geglaubt. Der damals betroffene Junge ist heute ein erwachsener Mann. Die Vorstellung von einem unanständigen Priester, sagt er, sei damals so absurd für ihn gewesen wie „zwei Monde am Himmel oder ein Mensch mit fünf Armen“. So war das damals. Und heute? Dazu gibt es Beispiele aus Deutschland, wie das folgende aus dem Bistum Würzburg. Dort trat der Vater eines mißbrauchten Ministranten vor die Gemeinde und brachte vor: „Dieser Pfarrer hat mein Kind mißbraucht“, mit dem Ergebnis, daß daraufhin aus dem Dorf massiver Druck auf seine Familie ausgeübt wurde. – So sind die Zustände heute. Und wie geht es den Menschen danach? Das Opfer aus Irland, von dem berichtet wurde, ist bis heute so gut wie arbeitsunfähig, konnte keinen Beruf durchhalten und lebt von Sozialhilfe. Viele der Menschen, die von Priestern mißbraucht wurden, leiden unter Konzentrationsschwächen, unter Schlafstörungen, unter massiven psychischen Problemen.
Einem normal denkenden Menschen sagt der neutrale und etwas blasse Begriff „Mißbrauch“ wenig. Was tatsächlich dadurch angerichtet wird, welche psychischen Schäden die Opfer für ihr Leben davontragen, wurde gerade angedeutet. Weitere Zahlen zeigen das Ausmaß dieser Verbrechen. Fast 11.000 mißbrauchte Opfer allein in den Vereinigten Staaten, fast 4.500 katholische Priester, die als Sexualverbrecher in Erscheinung getreten sind. Dabei ist zu bedenken: Die Vereinigten Staaten sind ein überwiegend protestantisches Land. Der Anteil von pädophilen oder verbrecherischen Priestern an der Bevölkerung ist also extrem hoch. Der vorhin zitierte Sachverständige, der die pädophilen Priester psychiatrisch betreut, hat im Prinzip recht: Wer unter diesen Vorzeichen überhaupt noch ein Kind zu einem Priester schickt, der bringt sein Kind bewußt in Gefahr. Und man könnte letztlich auch den Vorwurf dieses Psychotherapeuten aufnehmen, die Eltern seien selbst schuld. Da inzwischen bekannt ist, welche Gefahr droht, müßte im Grunde genommen jeder Erwachsene, der sein Kind dieser Kaste von in so hohem Umfang pädophilen oder verbrecherischen Priestern anvertraut, eigentlich selbst dafür zur Verantwortung gezogen werden. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, das Ganze spiele sich vorwiegend in den Vereinigten Staaten oder in englischsprachigen Ländern ab – in Deutschland ist es genauso. Bevor wir zu einigen Fällen in Deutschland kommen, soll noch daran erinnert werden, wie denn die Ausbildung in den katholischen Priesterseminaren erfolgt. Jeder hat noch den Namen „St. Pölten“ im Ohr. Die dortigen Vorgänge werfen ein bezeichnendes Licht darauf, wie die angehenden Priester auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Im Priesterseminar St. Pölten war es offensichtlich so, daß sowohl der Leiter des Seminars als auch sein Stellvertreter homoerotische Beziehungen zu den Insassen hatten. Nun ist Homosexualität generell in der heutigen Zeit nicht strafbar – zu Recht nicht strafbar, denn jeder entscheidet selbst, was er tut. Doch hier handelte es sich um ein Verhältnis zu Abhängigen. Ein Seminarteilnehmer, der namentlich nicht genannt werden will, weil er fürchtet, daß sonst für ihn Konsequenzen drohen, erklärte dem Fernsehen gegenüber, die Seminarleitung habe die Gelegenheit genützt – so wörtlich –, „Frischfleisch“ zu bekommen. Das bedeutet: Menschen, die in ihrem beruflichen Fortkommen von den Seminarleitenden abhängig waren, von diesen beurteilt werden mußten, die dort eine Laufbahn durchlaufen, eine Ausbildung machen wollten, wurden dazu verführt, mit den beiden Leitern in homosexuelle Beziehung einzutreten und trauten sich nicht, sich dem zu widersetzen. Als das alles herauskam, wurde das Seminar zwar geschlossen – aber es wurde auch bekannt, daß der zuständige Bischof Krenn lange vorher davon gewußt und es offensichtlich verdrängt und vertuscht hatte. Das ganze Ausmaß dessen, was in diesem Seminar vor sich ging, ersehen wir aus einer Meldung der Zeitung „Die Welt“ vom Mittwoch, 14. Juli 2004: „Die Österreichische Justiz leitete Ermittlungen wegen möglicher Sexualdelikte ein. Inzwischen haben die Behörden mindestens 40.000 weitere Fotos aus dem Besitz der Priesterseminaristen gefunden, auf denen ebenfalls meist sexuelle Motive zu sehen sind – darunter auch harte Pornographie, die St. Pöltner Priesterschüler teils mit Vorgesetzten zeigen, wie das Magazin »Profil« berichtet.“ Zu ergänzen wäre, was in einem Bericht vom Fernsehsender N 24 am 18. Juni 2005 zu lesen war: „Hinweise auf neuen Pornoskandal in St. Pölten. Theologiestudenten im Priesterseminar der Österreichischen Diözese St. Pölten haben ein Jahr nach dem Skandal des Hauses um Kinderpornos wieder Internetseiten mit pornographischen Inhalten aufgerufen.“ Demnach scheint die Diözese die bedenklichen, teilweise kriminellen Ausschweifungen noch lange nicht im Griff zu haben. Man sieht also: Schon zu Beginn der Laufbahn von katholischen Funktionären werden diese oftmals in eine bestimmte Richtung gelenkt, die dem moralischen Anspruch, den die Institution Katholisch in der Öffentlichkeit erhebt, nämlich Moralapostel der Nationen zu sein, diametral entgegenläuft. Angesichts der Vielzahl der begangenen Verbrechen, deren Umfang jetzt allmählich zutage tritt, nimmt es wunder, wie lange sich ein so falsches Bild vom Priester in der Öffentlichkeit halten konnte.
Es wäre für viele sehr aufschlußreich, die Nachrichten aufmerksam zu verfolgen. Auch im katholischen „Radio Vatikan“ (im Internet) lesen Sie fast täglich Meldungen von Entschädigungszahlungen wegen weiterer Kinderschänderverbrechen. Man kann das Ausmaß solcher Vorfälle nur ermessen, wenn man jeden Tag liest und hört, welche neuen Kinderschänderverbrechen begangen wurden und an die Öffentlichkeit gelangten oder welche neuen Gerichtsentscheide die Kirche verpflichten, Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe an die Opfer zu leisten.
Man muß sich außerdem bewußt machen: Das, was wir in der Presse erfahren, ist nur die Spitze eines Eisberges. Denn bei den meisten Verbrechensfällen erkauft sich die Kirche mit Millionenzahlungen das Stillschweigen der Betroffenen. Auch das steht z.B. in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 22. 3. 2002: „Meist kam es nie zum Prozeß. Meist wurde das Schweigen der belästigten Kinder und ihrer Eltern schlicht erkauft. Von mindestens 1000 Verfahren“ – hier ist die Rede von den Skandalen in den USA – „und außergerichtlichen Einigungen seit Mitte der 80er Jahre, sprechen Kirchenanwälte. Oft wurden die Kläger mit ein paar tausend Dollar abgefunden, manchmal aber auch mit Millionen. Insgesamt, so berichtet dieser Tage die »New York Times«, hat die Kirche in den USA die schier unvorstellbare Summe von 1 Milliarde Dollar an Schadenersatz und Schweigegeld aufgewandt.“ Wir können nur erahnen, was unter der Spitze des Eisberges liegt, wie viele Skandale noch unentdeckt blieben. Das geht in die Tausende und Abertausende. Und wenn dann doch solche Skandale bekannt werden und die Kirche zahlen muß, so ist sie sich nicht einmal zu schade, die Versicherung dazu aufzufordern, ihr diese Schmerzensgeldzahlungen zu erstatten, wie einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes vom 20.8.2004 zu entnehmen war. Dort hieß es: „Das katholische Bistum Rotterdam hat die Versicherung Aegon verklagt, weil diese sich weigert, Schmerzensgeld für ein Opfer sexuellen Mißbrauchs durch einen Priester zu erstatten. Auch Schaden durch sexuellen Mißbrauch sei durch die Haftpflichtversicherung gedeckt“, behauptete der Sprecher des Bistums, Jan Willem Wits. Die Versicherung lehnte die Erstattung jedoch ab. „Wir zahlen nicht bei Verbrechen“, so ein Sprecher der Versicherung. Man sieht, die Vertreter der Versicherungsgesellschaft, die noch ein normales Empfinden haben, bezeichnen ein Verbrechen als Verbrechen. Das zuständige Bistum hingegen geht davon aus, daß es sich bei Verbrechen an Kindern um ein normales Risiko bei der Ausübung des katholischen Geschäftes handelt.
Wie gesagt kann der sexuelle Mißbrauch von Kindern durch Kleriker nicht als ein amerikanisches Problem angesehen werden. Hier einige der Fälle, die in Deutschland bekannt wurden: Ein Fall aus dem Jahre 1993: Gegen einen 65jährigen katholischen Seelsorger aus dem Bistum Augsburg wird ermittelt. Er soll jahrelang ein ihm anvertrautes 12jähriges Mädchen mißbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft Coburg hat einen Pfarrer angeklagt, der drei Jungen seiner Gemeinde im Alter zwischen 9 und 11 Jahren dreizehnmal mißbraucht hat. Im Bistum Aachen wurde ein 62 Jahre alter Geistlicher dingfest gemacht. Man fand bei einer Hausdurchsuchung im Pfarrhaus in Krefeld 58.000 Kinderpornobilder und 300 Videocassetten. Den größten Teil der Hardcore-Produktionen hat der Pfarrer über Jahre hinweg in Eigenarbeit erstellt, berichtet der „Spiegel“ vom 15. 7. 2002. Im März 1999 gab es einen Fall in Sigmarszell bei Lindau, das zur Diözese Augsburg gehört. Dort wurde der 58jährige katholische Pfarrer vom Dienst suspendiert und statt im Untersuchungsgefängnis in einem Kloster untergebracht. Er gestand, einen 15jährigen Jungen mehrfach sexuell mißbraucht zu haben. Ob er noch weitere Kinder mißbrauchte, ist noch fraglich. Im April 1999 wurde der ehemalige katholische Pfarrer von Wald im Kreis Sigmaringen des Erzbistums Freiburg zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Zwischen Februar 1997 und Mitte 1998 hatte er einen anfangs noch nicht einmal 12jährigen Jungen in 27 Fällen sexuell mißbraucht. Ein weiterer Junge war 14 Jahre alt, als er zwischen Juli und November 1996 in etwa 30 Fällen von diesem Pfarrer mißbraucht wurde; die 12jährige Schwester des Jungen hatte der Pfarrer ebenfalls zweimal handgreiflich mißbraucht.
Wir sehen also, auch in Deutschland ist das Verbrechen der Kinderschändung seitens der Priester weit verbreitet. Und wenn einer jetzt vielleicht glaubt, viele Kinderschänder seien nur deswegen Kinderschänder, weil sie durch den katholischen Zölibat dazu gemacht würden – der dabei sicherlich eine Rolle spielt –, so könnte diese Vermutung dadurch eingeschränkt werden, daß es ebenso Kinderschänder in der Luther-Kirche gibt. Dazu ein Beispiel: In Bad Zwischenahn wurde ein evangelischer Vikar nach sexuellem Mißbrauch suspendiert. Die Evangelische Nachrichtenagentur Idea meldet am 17. Juli 2005: Der Oberkirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg hat einen Pfarrvikar vom Dienst suspendiert, der im Verdacht steht, ein 14jähriges Mädchen sexuell mißbraucht zu haben. Der verheiratete Pfarrvikar aus Rastede im Ammerland hatte sich wegen sexuellen Mißbrauchs an einem 14jährigen Mädchen aus Bad Zwischenahn auf das Drängen der Kindsmutter hin selbst angezeigt. Daß dies kein Einzelfall aus dem evangelischen Bereich ist, zeigt das Beispiel eines Pfarrers aus Schkeuditz, der wegen sexuellen Mißbrauchs von Jugendlichen in 42 Fällen angeklagt ist, wie die „Bild-Zeitung“ am 7.2.2002 berichtete. Er scharte vor allem junge Mädchen der Kirchengemeinde um sich; er soll okkulte Sitzungen mit Wünschelrutenzauber und Pendelpraktiken durchgeführt haben, durch die er die Mädchen gefügig machte. Sein Kollege aus Ostfriesland trieb es mit seinen Konfirmandinnen. Eine von ihnen forderte er gar auf, wir zitieren wieder die „Bild-Zeitung“ diesmal vom 13.3.2002: „Laß uns einen Helden auf dem Altar zeugen.“ Der Pastor kam glimpflich davon, mit einem Jahr Gefängnis auf Bewährung. Im „Hamburger Abendblatt“ vom 15. Dezember 2004 lesen wir: „Diakon mißbraucht sieben Jungen. – Bewährungsstrafe.“ „Wegen sexuellen Mißbrauchs von Schutzbefohlenen in sieben Fällen verurteilte ihn gestern das Schöffengericht Elmshorn zu einer Haftstrafe von 18 Monaten. Sie wurde zur Bewährung ausgesetzt, weil der Angeklagte voll geständig war und seinen Opfern eine Aussage vor Gericht ersparte. Die Ermittler machten in der verwahrlosten Wohnung schockierende Funde. Auf Fotos, aufgenommen von den Jugendlichen, posierte Jens R. mit Sexspielzeugen. Die Festplatte seines Computers war voll von pornographischen Dateien.“
Es stimmt nachdenklich, zu hören, wie solche Fälle in Deutschland gehandhabt werden. Man bedenke: Wenn z.B. ein Arbeitsloser aus Not mehrfach hintereinander etwas stiehlt, dann kann er sicher sein, daß man ihm im Wiederholungsfall keine Bewährung mehr gibt, sondern ihn deswegen ins Gefängnis schickt. Die skandalöse Verhaltensweise der Priester hingegen scheint offensichtlich als eine Art Kavaliersdelikt angesehen zu werden. Das ist schon an der verharmlosenden Bezeichnung „Mißbrauch“ abzulesen. Deutlich muß gesagt werden: Es handelt sich dabei um Sexualverbrechen von Kirchenfunktionären an Kindern. Die Täter sind Kinderschänder, und die Opfer sind Kinder. Daß es sich wirklich um eine Verharmlosung handelt, zeigt u.a. die Tatsache, daß die Opfer oft viele, viele Jahre brauchen, um überhaupt ein erstes Mal über diese Taten zu sprechen. Aus den psychologischen Gutachten, die sich mit diesen Sexualverbrechen befaßt haben, ist mehrfach zu ersehen, daß die Opfer oft erst 15, 20 oder 25 Jahre nach diesen Verbrechen in der Lage waren, ihr Schweigen zu brechen und darüber zu reden. Lassen wir das einmal auf uns wirken! Stellen wir uns vor, was für eine ungeheure seelische Qual die Kinder durchgemacht haben, wenn sie, auch später als Erwachsene, so lange nicht fähig waren, mit diesen Verbrechen an die Öffentlichkeit zu gehen. Um die Opfer kümmert sich die Katholische Kirche nicht – allenfalls wenn, wie in den Vereinigten Staaten, die Justiz ihnen Druck macht –, wohl aber um die Täter. Für Priester mit solchen abartigen, verbrecherischen Neigungen gibt es besondere Erholungszentren, wie z.B. das Recollectio-Haus in Münster-Schwarzach, in der Nähe von Würzburg, wie im „Spiegel“ Nr. 18/2002 zu lesen ist.
Es gibt aber auch den Fall, daß die Opfer selber straffällig werden, weil sie, schwer traumatisiert und seelisch geschädigt, aus ihrer hilflosen inneren Situation heraus das, was ihnen passiert ist, unmittelbar an andere weitergeben. Es gibt z.B. den Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch, der in Nürnberg als der „Mittagsmörder“ bekannt wurde, ein Serienmörder, ein Triebtäter. Es stellte sich heraus – nachzulesen in dem Buch von Hubertus Mynarek „Eros und Klerus“ auf Seite 144 –, daß dieser Kindsmörder eine sehr schwere Kindheit hatte: „Der Knabenmörder Jürgen Bartsch war schlicht und einfach das Ergebnis der ersten fünf oder sechs Jahre seiner abscheulichen pathologischen, fast unbeschreiblich unglücklichen Kindheit. Schweren Schaden fügte dem jugendlichen Bartsch auch ein katholischer Priester zu. Aus Jürgens Revisionsprozeß wurde bekannt, daß der katholische Priester Pater P. Jürgen als Internatsschüler in M. sadistisch bestraft und sexuell mißhandelt hatte.“
Der eine oder andere mag sich fragen, warum wir Urchristen nicht, wie in unseren zurückliegenden Sendungen, einmal die Frage stellen: Was würde Jesus, der Christus, zu dem Ganzen sagen? Aber nach den Fakten, die wir hier zusammengetragen haben – und das ist, wie gesagt, nur die Spitze des Eisbergs –, werden Sie verstehen: Zu all diesen Verbrechen kann Jesus, der Christus, gar nichts sagen. Sie sind so unter jeder Würde, daß Jesus, der Christus, wahrscheinlich noch nicht einmal an so etwas gedacht hat. Wenn Jesus von Nächstenliebe sprach, dann hatte Er ein anderes Bild als das, was uns die katholischen Priester, was uns evangelische Pfarrer, was uns die Päpste auf dem Stuhl Petri durch alle Jahrhunderte hindurch vorgelebt haben.
Das Einzige, was dem guten Analytiker an Hilfreichem zu dieser Problematik einfällt, ist der Rat, wie er schon in der Bibel steht: „Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhabt ihrer Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen“. (Off. 18,4) In diesem Zusammenhang noch einmal ein Appell an die Eltern: Sie können ja, wenn Sie das wollen, Mitglied dieser Organisation bleiben, aber bitte, setzen Sie Ihre Kinder nicht diesen schweren Gefahren aus.
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Die Texte der 6. bis 11. Gesprächsrunde sind im zweiten Band der Reihe »Nur für kluge Köpfe und gute Analytiker. Wer sitzt auf dem Stuhl Petri?« nachzulesen.
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