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Die Schüsse von Erfurt und die öffentliche Moral

Die Schüsse von Erfurt
und die
öffentliche Moral

 

Der Amoklauf des 19-jährigen Robert S. aus Erfurt kam nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, so sehr er die friedliche Stadt, in der er einschlug, auch schockierte und geradezu lähmte. Er war nur die bisher schlimmste, aber nicht die erste Entladung jugendlicher Mord- und Selbstmord-Aggression, die sich in den letzten Jahren vor allem gegen Lehrer richtete, manchmal auch gegen Mitschüler oder andere zufällig ins Schussfeld der Amokschützen geratene Opfer. Zur Erinnerung: Am 20. April 1999 erschießen der 17-jährige Dylon K. und Erik H. in Littleton, Colorado, zwölf Mitschüler und einen Lehrer; anschließend begehen sie Selbstmord. Am 1. November 1999 richtet der 16-jährige Martin P. in Bad Reichenhall ein Blutbad unter Passanten an. Vier der Opfer sterben, am Ende auch der Täter selbst. Am 9. November 1999 stürmt im sächsischen Meißen der 15-jährige Schüler Andreas S. maskiert und mit zwei Messern bewaffnet auf seine Geschichtslehrerin zu und tötet sie mit 22 Messerstichen. Begründung: Ich habe sie gehasst. Am 16. März 2000 erschießt im bayerischen Brannenburg ein 16-jähriger Schüler den Internatsleiter. Der Täter war tags zuvor wegen „ungebührlichen Verhaltens“ von der Schule verwiesen worden. Am 19. Februar 2001 erschießt der 22-jährige Adam L. im Landkreis Freising bei München zunächst zwei ältere Kollegen seiner ehemaligen Firma; anschließend fährt er per Taxi zur Wirtschaftsschule und bringt deren Direktor um. Durch zwei Rohrbomben werden zwei andere Lehrer schwer verletzt. Danach sprengt sich der Täter selbst in die Luft.

 

Die Betroffenheit des Publikums, das diese Tragödien von Mord und Selbstmord in den Medien verfolgte, war je nach Entfernung zum Tatort und der Zahl der Opfer mehr oder weniger groß. Meist ging man schon bald wieder zur Tagesordnung über – „das Leben geht weiter“. Nach Erfurt scheint das nicht mehr so leicht möglich. Die Fassungslosigkeit ist zu groß, das Ungeheuerliche wirft zu viele Fragen auf: Fragen nach der tödlichen Einsamkeit, in die ein junger Mensch von Heute geraten kann; Fragen nach dem Aggressionsstau, den ein verletztes Ego in einer egomanen Gesellschaft aufbauen kann; Fragen nach der kriminellen Energie, die durch blutrünstige Killervideos aufgeheizt wird, und nach den Möglichkeiten, sich zu bewaffnen, um die virtuelle Killerwelt in die Realität umzusetzen; und nicht zuletzt Fragen nach dem Verlust an Lebenssinn, der der zunehmenden Gewalttätigkeit zugrunde liegt. All diese Fragen spiegelt auch ein unscheinbarer Zettel wider, den eine Schülerin an ein Kellerfenster des Gutenberg-Gymnasiums von Erfurt geheftet hatte: „Ich habe gesehen, wie meine Klassenlehrerin direkt neben mir erschossen wurde. Sie sackte in sich zusammen, ich sehe immer noch ihr Blut. Ich wollte ihr helfen, aber ich bin einfach nur weggerannt. Wie soll ich diesen Anblick vergessen? Das macht mich kaputt. Wieso in Erfurt? Hilfe! Was läuft hier falsch? Wieso gibt es für uns so oft keine PERSPEKTIVEN?“

 

 

Eine gewalttätige öffentliche Moral

 

Wenn „Perspektiven“ fehlen, muss man nicht gleich morden. Man sollte sich davor hüten, den Täter vorschnell zum Opfer zu machen. Doch die Verführung zur Gewalt war noch nie so groß wie in unserer Zeit, in der das Prinzip der Vergeltung zur moralischen Maxime erhoben und weltweit täglich im Fernsehen demonstriert wird. Wer zählt noch die Sprengstoffanschläge der Palästinenser und die Vergeltungsschläge der Israelis sowie die Leichen, die jede Seite zurücklässt, Menschen, die für ihre „gerechte Sache“ sterben? Die Grenzen zwischen Mord und Selbstverteidigung verlieren sich im moralischen Niemandsland, in dem Gewalt zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wer kann und will da noch unterscheiden? Mitunter darf man es nicht einmal mehr, wenn man das politische Tabu, dass Israel in jedem Fall die moralisch bessere Position vertritt, nicht verletzen will. Wer uns tötet, den werden wir töten, verkündet Ariel Sharon in alttestamentarischer Form. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Arafats Gefolgsleute übernehmen das hebräische Motto in arabischer Tonlage.

 

Die Grausamkeiten und moralischen Zerrbilder des täglichen Reality-TV stehen dem virtuellen „Counterstrike“ kaum nach. Und was noch schlimmer ist - die Grenzen werden bewusst verwischt. Die amerikanischen Angriffe im Golfkrieg und die Nato-Bombardierung Jugoslawiens wurden zu weltweiten Computerspielen. Dass am Golf über 200.000 Iraker starben, blieb hinter den durch Computerblitze markierten Bombeneinschlägen verborgen. Dass in Jugoslawien eine Umweltkatastrophe unglaublichen Ausmaßes herbeigebombt wurde, trat auf den sauberen Bildschirmen der offiziellen Kriegsberichterstattung nicht in Erscheinung, allenfalls mit dem Unwort von den „unvermeidlichen Kollateralschäden“. Der Feind wird ausradiert, sein Blut wegretuschiert, womöglich war auch schon der Kriegsgrund manipuliert – wer mag es da einem Halbwüchsigen verdenken, wenn er die Mattscheibe seines Computers und die Wirklichkeit seines Lebens miteinander verwechselt?

 

Das World-Trade-Center stürzte einige Wochen lang bei jeder zweiten Fernsehsendung ein – hunderte Male, auf unzähligen Kanälen, als fast schon rituelle Filmsequenz einer Weltkatastrophe, ausgelöst durch einen Anschlag, dessen Horror jede Computersimulation übertraf, der zum Kampf der Kulturen hochstilisiert wurde und das Koordinatensystem öffentlicher Moral veränderte: Der Mord an 3000 Menschen als Freiheitskampf des unterdrückten David aus der islamischen Welt, ein brutales Verbrechen, verkauft mit hohem moralischen Anspruch auf der einen Seite. Auf der anderen der schwer getroffene Goliath, der mit Schaum vor dem Mund reagiert: „Zehntausende gefährlicher Killer“ seien über „die ganze Welt verstreut, wie tickende Zeitbomben“, so Präsident Bush vor dem amerikanischen Kongress. In seiner immer wieder von Beifall unterbrochenen Rede machte er der Weltöffentlichkeit klar, dass mit der Zerschlagung der Terrorlager in Afghanistan nur ein Anfang gemacht sei. Es sei wichtig, überall „terroristische Parasiten auszumerzen“, so wörtlich, und er warnte jeden, der Amerikas Kampf gegen das Böse nicht unterstützen würde: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“.

Für Bush zerfällt die Welt in zwei Teile – die Schurken auf der einen Seite und Amerikas Freunde auf der anderen. Einige der Schurken reiht Bush auf einer „Achse des Bösen“ auf, zu der momentan der Irak, der Iran und Nordkorea gehören sollen. Feindbilder, moralisch aufgeladen und zum Abschuss freigegeben. Gewalttätigkeit als moralische Handlung. Die Moral der Gewalt, die die öffentliche Bühne beherrscht, relativiert die Unmoral von „Egoshootern“ in Computerspielen.

 

 

Die Krankheit eines Amokläufers

 

Die allermeisten Teenager halten das aus, ohne gleich um sich zu schießen. Dass jedoch immer mehr Schüler ausrasten und in brutale Gewalt flüchten, hat viele Ursachen. Die Feindseligkeit unseres „politischen Klimas“ mag eine davon sein. Das wurde auch manchem Politiker in den Tagen nach Erfurt bewusst, als man sich bei der Diskussion über die Folgen zurücknahm und auf leisere Töne einigte. Laute Polemik und bedenkenlose Ehrabschneidung schaffen kein Klima, das die Aggressionen labiler Halbwüchsiger auffängt. Im Gegenteil: Emotionen und Gedanken sind unsichtbare Energien, die sich gegenseitig verstärken. Nichts, was gefühlt und gedacht, gesagt und geschrieben wird, geht verloren. Alles geht in die Aura einer Stadt, eines Landes, ja des ganzen Erdkreises ein. Nicht umsonst spüren wir mitunter, dass uns ein Ort als friedlich und harmonisch anmutet und ein anderer aus unerklärlichen Gründen Unruhe auslöst. Tiere sind da meist sensibler als Menschen. Könnten wir die Wellen von Aggression erspüren oder gar sehen, die wir bei einem Streit im kleinen Kreis oder einem Krieg zwischen ganzen Völkern auslösen, würde uns bewusst werden, dass wir uns mit Abwertung, Hass, Rache und Feindseligkeit ständig selbst vergiften.

 

Auch wenn wir die unsichtbaren Blitze unserer Aggressionen nicht wahrnehmen, sollten uns jedenfalls die Erkenntnisse moderner Physik zu denken geben. Sie lehrt uns, dass die Welt nicht in Materiebrocken zerfällt und auch nicht aus Materiepartikeln besteht, sondern im Mikrokosmos in „immaterielle Felder“ von Information und Energie mündet, Felder, die entstehen und vergehen, sich ständig neu bilden und miteinander korrespondieren. Die real erscheinende Welt von Mineralien, Pflanzen, Tieren, Menschen, Erdteilen und Planeten ist nur das, was auf unserer Netzhaut erscheint und in unser Bewusstsein tritt und mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun hat. Wenn letztlich alles Geist ist, Information und Kommunikation, dann nimmt es nicht wunder, dass der Biochemiker Rupert Sheldrake schon vor Jahren feststellte, dass es eine Art „morphische Resonanz“ im Universum gibt, und ein „Gedächtnis der Natur“, was dazu führt, dass Lebewesen sich über Raum und Zeit hinweg durch bestimmte Verhaltensweisen und Fertigkeiten gegenseitig beeinflussen. Könnte es dann nicht sein, dass auch Selbstmordattentate diese „morphische Resonanz“ finden, von New York bis Rammala, von Littleton bis Erfurt?

 

Ein Psychologe wies dieser Tage darauf hin, dass das Wort „Amok“ aus dem Malaiischen stammt und dort soviel wie Wut bedeutet und dass in einer bestimmten Tradition der malaiischen Kultur das Amoklaufen als Sonderform des Selbstmordes gewissermaßen als „Ausweg“ zur Verfügung stand. Eine bestimmte Geisteskrankheit führte zu wutartigen und wahllosen Tötungsversuchen, auf die man sich einstellte und die man abwehrte, bis der „Amok!“-Schreiende selbst getötet war. Es scheint sich seit jeher um eine Art Besessenheit zu handeln, die sich in wahrhaft mörderischen Wutausbrüchen äußerte und am Ende gegen den Amokläufer selbst richtet. Es müssen Energien am Werk sein, die sich seiner bemächtigen und ihn überwältigen, so dass er nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Im Matthäus-Evangelium ist mehrfach von solchen Menschen die Rede. Warum sie von „bösen Geistern“ befallen werden und woher diese kommen, ist nicht gesagt. Wer die Seele nur als ein Anhängsel des Körpers sieht, wird nach körperlichen Defekten suchen. Wer die Seele als eigenständiges Wesen versteht, kann sich vorstellen, dass sie außer Rand und Band gerät, wenn das psychosomatische Gehäuse, das ihre Identität aufrecht erhält, aus irgendwelchen Gründen Risse bekommt und Energiefeldern oder fremden Seelen aus Zwischenreichen Einlass gewährt, die ihren destruktiven Einfluss geltend machen.

 

Unter welcher Art von Geisteskrankheit die Mordschützen von Freising, Bad Reichenhall und Erfurt litten, wissen wir nicht – es war nicht in jedem Fall ein Amoklauf, sondern auch – vor allem in Erfurt – gezielte Tötung bestimmter Personen. Aber sich umzubringen, um möglichst viele mit in den Tod zu nehmen, macht gegenwärtig Schule – wieder, muss man sagen, wenn man sich daran erinnert, dass es im 12. Jahrhundert die shiitischen Assasinen gab, die im Kampf gegen die Kreuzfahrer Ähnliches praktizierten, was wir am 11. September 2001 in New York und derzeit immer wieder in Palästina erleben. Die krankhafte Gewalt, die um den Erdball schwingt, wirkt ansteckend. Insofern haben der Terror im Nahen Osten, der Terror in New York und die militärische Brutalität in Afghanistan nicht nur politisch etwas miteinander zu tun, sondern auch mit der Kollektivpsyche der Menschheit. Der Virus selbstmordbereiter Aggression findet nun offensichtlich auch in seelischen Leerräumen pubertierender Jugendlicher seinen schizophrenen Nährboden.

 

Vielleicht ist diese Schizophrenie letztlich auch eine Folge jenes unsäglichen Abspaltungsprozesses, den die Menschheit jedenfalls im Abendland im Zuge ihrer „Zivilisierung“ und Rationalisierung erfuhr: Die Trennung von Herz und Verstand. Spätestens seit Descartes wurde die Welt zur Kopfgeburt. Das Motto „Ich denke, also bin ich“ führte zu einem Rückzug aus der Wirklichkeit, der in den Computerphantasien von Heute seinen jüngsten Höhepunkt erreicht. Auf den ersten Blick scheint das weit hergeholt; doch die philosophische Trennung zwischen dem Ich als dem erkennenden Subjekt und den ringsum erkannten Objekten war eine teuer erkaufte Kulturleistung, die zwar Naturwissenschaft und Technik ermöglichte, die aber zugleich die Welt entseelte, die das „Herz der Dinge“ verlor, den Geist auf das menschliche Gehirn reduzierte und die Einheit zwischen Mensch und Natur und mit Gott verspielte. Der große Psychologe C.G.Jung schrieb einmal: „Auf dem Grund jeder Neurose liegt das Gottesproblem.“ Weil Gott ausgegrenzt wurde.

 

 

„Christliche“
Waffenbrüderschaft

 

Gott wurde in einen fernen Himmel verlagert, der von Priestern verwaltet wird, die den Blick auf Gott nicht vermittelten, sondern eher verstellten. Der Gott des Alten Testaments, der ständig Tieropfer fordert und zum Völkermord aufruft, wirkt eher abstoßend. Das Neue Testament berichtet zwar von der Frohbotschaft Jesu; aber Paulus wird sogleich rückfällig und verdüstert die Szene durch die alte Blutmystik, wonach Gott ein Opfer benötige, um sich der Menschheit zuzuwenden. Ein Gott, der seinen eigenen Sohn hinschlachten lässt, vermittelt kaum Geborgenheit, noch weniger ein befohlener Glaube an absurde Dogmen von ewiger Verdammnis (der nach katholischer Logik der größte Teil der Menschheit anheimfällt), oder von der magischen Verwandlung einer Hostie in das Fleisch des Jesus von Nazareth, oder von einer Jungfrauengeburt oder einer leiblichen Auferstehung am Jüngsten Tag – des nicht verdammten Teils der Menschheit.

 

Lange Zeit war es der Kirche gelungen, mit äußerer Macht den Völkern aufzuzwingen, zu glauben, was nicht zu glauben ist. Durch Kreuzzüge, Ketzer- und Hexenverfolgungen wurde die Botschaft des Nazareners in ihr Gegenteil verkehrt. Der Glaube an einen liebenden Gott wurde den Menschen weitgehend ausgetrieben. Und diejenigen, die heute dafür verantwortlich sind, gehen geschwätzig darüber hinweg. Etwa wenn der Ratsvorsitzende der EKD, Manfred Kock, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, anlässlich der Vorstellung des „Bibeljahres 2003“ wenige Tage nach Erfurt vollmundig verkünden: Die Bibel zeige „die Abgründe menschlicher Bosheit, aber auch Gottes große Perspektiven“. (Kock) Was geschehen sei, habe etwas Überzeitliches, wie es schon in der biblischen Geschichte von Kain und Abel zum Ausdruck komme. Deshalb solle man sich (gefälligst) davor hüten, „so etwas wie das Chaos unserer Zeit“ zu beklagen. Und Lehmann beeilte sich zu ergänzen, die Bibel habe uns nach dem 11. September 2001 und jetzt mit unserer Not in Erfurt „überhaupt wieder zur Sprache verholfen“. Welche Passagen der Bibel mag der Kirchenmann meinen? Hoffentlich nicht die Rechtsordnung im 5. Buch Mose, wonach widerspenstige Jugendliche vor dem Stadttor zu steinigen sind.* Bekanntlich hält die Kirche laut Katechismus das Alte Testament einschränkungslos für das „wahre Wort Gottes“**. Oder meint Lehmann etwa die Bergpredigt - die von seinesgleichen allerdings regelmäßig als Utopie bezeichnet wird? Die Gewaltlosigkeit des Jesus von Nazareth – die von Theologen gestrichen und durch die Lehre vom gerechten Krieg ersetzt wurde?

Kock und Lehmann forderten dazu auf, den Zugang zu Waffen sowie den Umgang mit Gewalt in den Medien zu überdenken. Haben die beiden dabei auch bedacht, dass ihre Institutionen über Jahrhunderte zu Kriegen aufriefen, die Waffen ihrer Krieger segneten und heute die bewaffnete Jägerschaft bei Hubertusmessen segnen und dass die Sportschützen bei kirchlichen Festivitäten mit Ehrenkompanien antreten? In Bayern tritt dann gleich der Ministerpräsident höchstselbst an, als Ehrenvorsitzender einer „Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft“, der sich jetzt dagegen verwahrt, „die große Zahl der legalen Waffenbesitzer ins Zwielicht zu setzen“.

 

Abgesehen davon, dass die illegalen Waffen ja nur möglich sind, weil es legale Waffen gibt, von denen jährlich 6.000 Stück in die Illegalität hinüberwechseln, ignorieren die politischen Schutzherren legaler Waffenarsenale, dass die amokartigen Morde der letzten drei Jahre meist mit sogenannten legalen Waffen begangen wurden: Der 16-jährige Amokschütze Martin P., der im Jahr 1999 die Bluttat von Bad Reichenhall anrichtete, schoss mit den Waffen, die sein Vater legal im Schrank stehen hatte – als Mitglied bei den Sportschützen und dem Deutschen Soldaten- und Kameradschaftsbund. 17 legale Gewehre hatte er im Schrank. Sein Sohn durfte regelmäßig im Wald damit Schießübungen machen. Auch der 16-jährige Michael F. aus Brannenburg, der im Jahr 2000 seinen Internatsleiter und dann sich selbst umbrachte, hatte sich aus dem Waffenschrank seines Vaters bedient, der drei Schützenvereinen angehört und eine Sammlung von legalen und eine Menge illegaler Waffen hatte. Dass sich der 16-fache Mörder von Erfurt seine Mordwerkzeuge legal besorgt und sich legal zu ihrer sachgerechten Handhabung ausbilden ließ, schreckt gegenwärtig alle auf. Fragt sich nur: Wie lange und mit welchen Konsequenzen? Es ist bemerkenswert, dass die politischen Widerstände gegen eine Verschärfung des Waffenrechts bei der letzten Gesetzesnovellierung ausgerechnet aus Kreisen der sich christlich nennenden Parteien kamen. Am Tag des Erfurter Massakers war auf der Website der CDU/CSU-Fraktion des Deutschen Bundestags eine Pressemitteilung zu lesen, in der die Opposition ihren Erfolg bei der Verhinderung eines strengeren Waffenrechts pries: „So konnten die sinnlose Waffenbegrenzung, die Meldepflicht für inaktive Schützen und die ständige Bedürfnisprüfung verhindert werden. Die Aufbewahrungspflichten wurden nun praxisgerecht gestaltet. Mit der Herabsetzung der Altersgrenze der Sportschützen für Luftdruckwaffen auf zehn Jahre wird der Jugend eine Chance auf Leistung und dem deutschen Schießsport Konkurrenzfähigkeit eröffnet.“

 

Inzwischen wetteifert der „deutsche Schießsport“ zum Zwecke seiner „Konkurrenzfähigkeit“ bereits mit dem amerikanischen Westernschießen, das vom Bund Deutscher Sportschützen protegiert wird. Die Wettkampfübungen haben bezeichnende Namen: „Weg von meinem Hof“ oder „Lauf, Kumpel, lauf!“ Beim sogenannten IPSC-Schießen, von dem der SPIEGEL jüngst berichtete, „absolvieren die Schützen im Laufschritt Hindernisparcours und ballern auf plötzlich auftauchende Zielscheiben, die schon mal menschliche Umrisse haben“. Sportliche Betätigung als Schule der Aggression.

Wem dies nicht genügt, der macht einen Jagdschein; dann muss er sich nicht mit Tontauben oder beweglichen, aber leblosen Zielen mit menschlichen Umrissen begnügen, sondern kann auf lebende Objekte ballern, in Gestalt von Rehen und Hirschen, Hasen und Wildschweinen. Wer wollte leugnen, dass es auch hier um Aggression, ja um die Lust zu töten geht? In Jagdzeitschriften ist nachzulesen, wie ungeniert man sich dort über das Töten als Freizeitsport verlustiert.

 

Wo sind die Kirchenführer, die den Mut haben, Jäger und Sportschützen zur Abrüstung aufzurufen, wenn schon nicht aus Mitleid mit den Tieren, so wenigstens aus Sorge um das Seelenheil der Menschen, die glauben, Freizeit und Sport mit einem Schießprügel verbringen zu müssen.

 

 

Hilflose Hirten

 

Es ist geradezu tragisch, dass die Jugendlichen von Erfurt auf der Suche nach Trost in der Trauer nur wieder dem Bodenpersonal des fernen Gottes in die Hände fielen, Kirchenvertretern, die für die Gottferne der heutigen Zeit ein gerüttelt Maß an Mitschuld tragen. Schüler flüchteten plötzlich in Kirchenräume, die sie seit vielen Jahren mieden. Sie suchten Zuflucht, um zu trauern, um Kerzen anzuzünden und vielleicht zu beten. Die örtlichen Pastoren sahen sich bereits ermutigt und rühmten den hohen Zulauf zu kirchlichen Andachten unmittelbar nach der Bluttat. Schließlich standen hunderttausend Menschen vor dem Erfurter Dom. Hunderttausend – so still, wie eine solche Menschenmenge noch nie war. Die Stille war von einer seelischen Tiefe, die die Worte der Redner am Domplatz nicht erreichten. Sie bemühten sich, der fassungslosen Trauer gerecht zu werden – der Bundespräsident mit dem Aufruf zum Miteinander in der Gesellschaft und dem Hinweis auf die „letzte Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut“; der Landesbischof mit der Anregung: „Prüfe sich jeder selbst und erspare sich nichts! Nur wer die Augen nicht vor sich selbst verschließt, kann anders handeln und mit anderen zusammen Leben gewinnen.“

 

Wer hätte dagegen etwas einzuwenden?! Und wer könnte für sich in Anspruch nehmen, in einer solchen Stunde die richtigen Worte zu finden?! Was ging in den Herzen der hunderttausend Menschen vor, die sich ihrer Trauer und Nachdenklichkeit öffneten? Kundige Lutheraner konnten vielleicht mit den Worten des Bundespräsidenten über die Eigenverantwortlichkeit eines jeden Menschen nicht allzu viel anfangen: Hatte Luther die Willensfreiheit nicht massiv geleugnet? Praktizierende Katholiken mussten vielleicht an die ewigen Höllenqualen des Mordschützen denken und sich auch um den einen oder anderen Lehrer Sorgen machen, der jetzt plötzlich abberufen wurde, ohne kirchliche Absolution oder letzte Ölung. Vermutlich hätten die meisten das als „Katechismus-Kram“ zurückgewiesen. Vor dem Schicksal, das in Erfurt zuschlug, verblassen Schulweisheiten aus Religionsstunden. Doch was tritt an deren Stelle?

 

Die Verwalter des fernen Gottes ahnen nur mehr wenig von Seiner Nähe. Dass Er als All-Geist alles durchwirkt, Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, haben sie längst als „Pantheismus“ verworfen. Dass der erste Schritt zum Frieden in der Selbsterkenntnis liegt, klingt in den Worten des Predigers am Domplatz noch an, wenn er zur Selbstprüfung aufruft. Doch was ist der nächste Schritt? Nicht eine Beichte in einem evangelischen Gottesdienst oder in einem katholischen Beichtstuhl, sondern die Reue, die bereits bei den Empfindungen und Gedanken beginnt und den Nächsten für die Taten, die ihn verletzten, um Verzeihung bittet. Der predigende Bischof weiß nach seiner Kirchenlehre auch nichts davon, wie sehr wir alle für das Klima unseres Landes mitverantwortlich sind, nicht nur im politischen und kulturellen Sinn, nicht nur symbolisch, sondern ganz real - für die geistigen Energiefelder, die unsere Seelenzustände produzieren, negativ oder positiv verändern und mit Feindseligkeit oder Friedfertigkeit aufladen.

 

Und was die Pfarrer und Priester ebenfalls verdrängt haben: Das uralte Menschheitswissen, dass jeder von uns öfter auf Erden ist und wiederkommen darf, um abrupt Abgebrochenes und Unvollendetes zu vollenden, auch um begangenes Unrecht wieder gut zu machen. In den apokryphen Schriften des Evangeliums ist dieses Wissen noch präsent, doch sie fanden nicht Eingang in den Kanon kirchlicher Evangelien. Der frühchristliche Lehrer Origenes, der noch um die Präexistenz der ins leibliche Dasein inkarnierten Seele wusste, wurde auf dem Konzil von Konstantinopel vor 1500 Jahren verdammt. Und wer heute auch nur erwägt, dass manche Ereignisse und Begegnungen in der Geschichte der Menschheit, wie im Leben des Einzelnen, möglicherweise auch karmische Dimensionen haben – deren Ergründung freilich keinem Sterblichen zusteht -, der wird von den kirchlichen Glaubensherren als Sektierer östlicher Herkunft erneut verdammt. Doch immer mehr Menschen wird solches Gedankengut wieder vertraut. Auch darüber mag mancher in der Stille von Erfurt nachgedacht haben - bei dem Versuch, das Unannehmbare mit Gott in Einklang zu bringen, bei dem Versuch, nicht an Gottes Güte und Allmacht zu zweifeln oder Ihn gar anzuklagen. Im Blickfeld der Trauernden vor dem Dom stand auch ein Gefäß mit Weizenkörnern mit der Aufschrift: „Was wir heute säen, ist unsere gemeinsame Zukunft.“ Gilt dann nicht auch umgekehrt: „Was wir heute ernten, ist unsere frühere Saat?“ Worauf übrigens auch Paulus aufmerksam macht (den die Kirche sonst so gern zitiert), wenn er sagt: „Täuschet euch nicht! Gott lässt seiner nicht spotten. Denn, was der Mensch sät, wird er ernten.“ (Gal.6,7) Das lindert weder Schmerz noch Betroffenheit, aber könnte uns wachrütteln und Rückblick halten lassen, was unser aller Beitrag zur Eskalation der Gewalt in Erfurt und andernorts war.

 

 

„Stecke dein Schwert weg!“

 

Der Mensch ist, wie gesagt, meist nicht in der Lage, seine Schicksalsfäden zu erkennen; aber es ist hilfreich zu wissen, dass solche Fäden über mehrere Leben reichen können. Es war niemand da in Erfurt, der darauf hingewiesen hätte, was wie ein Lichtstrahl in das schwarze Tal der Trauer dringen könnte.

Woher der Verfasser dieser Zeilen dies alles weiß? Er ist davon überzeugt, dass Gott in unserer Zeit erneut durch Prophetenmund spricht, durch eine Frau mit dem irdischen Namen Gabriele, durch die ein großes Offenbarungswerk entstanden ist, das die Wahrheiten des Nazareners, die unter den Buchdeckeln der Theologen begraben wurden, der Menschheit erneut darlegt und ungeahnte Perspektiven eröffnet – über das Fallgeschehen, die Erlösertat des Jesus, des Christus, die Präexistenz der Seele und ihre mehrmalige Einverleibung auf der Materie, das Gesetz von Saat und Ernte und die Erlösung aller Menschen und Dinge, wie sie schon Origenes lehrte. Gabriele, die in der Mitte der Urchristen im Universellen Leben als Prophetin und Botschafterin Gottes wirkt, sagte vor kurzem:

 

„Wenn wir die Medien hören - sie sprechen von Gerechtigkeit und wissen nicht, was Gerechtigkeit ist. Die Politiker sprechen von Frieden und lassen Soldaten aufmarschieren. Ja, wo liegt denn hier der Friede?

 

Friede muss erkämpft werden. Jesus sagt: ‘Stecke dein Schwert weg!’ Die Christen greifen zum Schwert, also zu der Waffe. Und das wird so lange sein, bis wir, jeder Einzelne von uns, seinen eigenen Frieden erarbeitet, den Frieden, der wahrhaft in uns ist. Und die Bergpredigt Jesu ist der Weg.

 

Wir werden in unserer Zeit immer mehr erkennen, dass allein die Bergpredigt der Weg zum Frieden ist. Aber wir können uns die Bergpredigt nicht überstülpen. Wir müssen sie erfüllen. Nicht der Nachbar, nicht der Soldat an der Front, nicht der Minister, der Abgeordnete, der Kanzler – jeder von uns muss bei sich anfangen, jeder! Und wer dem anderen die Schuld gibt, der müsste sich auch an die eigene Brust klopfen. Und so könnten wir weitergehen mit den Jägern, mit den Metzgern, mit den Schlächtern. Klopfen wir an unsere eigene Brust: Wie verhalten wir uns gedanklich gegenüber der Natur? Viele bewundern die Natur – das heißt aber noch lange nicht, dass wir sie im Herzen haben. Viele bewundern die Tiere, doch es ist noch lange nicht so, dass wir sie im Herzen haben. Vieles ist aufgesetztes Wissen oder sogar die Sehnsucht nach Frieden, die Sehnsucht nach Harmonie, die Sehnsucht, Kommunikation mit der Natur, mit den Tieren zu haben.

 

Doch Kommunikation heißt, von innen nach außen zu leben, die Natur zu spüren, dass sie ein lebender Organismus ist, das einzelne Tier zu spüren, dass es empfindet, dass es sich freut, dass es im Geist der Liebe lebt. Wenn das jeder Einzelne tut, dann haben viele die Kraft, gegen das Negative nicht mit dem Schwert vorzugehen, sondern mit der Aufklärung und mit dem Schutz für das Leben.“

 

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