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CNA-Meldung vom 08. Oktober 2001:
Kommentar:Bin Laden und der Papst
Der eine steht als Weltfeind Nummer eins und Chef terroristischer Mörderbanden da; der andere als ein altersschwacher und friedlicher Hüter der Moral. Welten scheinen beide zu trennen. Und dennoch sind beide enger verbunden als ihnen lieb sein mag: Jeder ist Abkömmling einer Weltreligion: Der eine sogar der Religionsführer, der andere ein extremistischer Ableger seiner Religionsgemeinschaft. Wer in die Geschichte des Katholizismus und des Islam zurückblickt, könnte bin Laden leicht als den dunklen Schatten des Repräsentanten des römisch-katholischen Imperiums empfinden. Nicht umsonst richtet sich sein terroristischer Feldzug gegen "Juden und Kreuzritter", wobei er wegen der Juden Amerika zu treffen versucht. Und mit dem Stichwort "Kreuzritter" nimmt er den Kulturkreis ins Visier, der sich als christliches Abendland die Weltherrschaft anmaßte, in Jerusalem einfiel und im Blut der Muslime watete, arabische Länder kolonisierte und schließlich die Supermacht Amerika produzierte, die ihre Truppen im Land des Propheten Mohammed stationierte.
Um so merkwürdiger mutet es an, dass es katholische Bischöfe wie den Österreicher Kurt Krenn gibt, die den gegenwärtigen Weltkonflikt dazu nutzen, dem Islam generell Fanatismus und menschenrechtswidrige Ziele vorzuhalten. Und um so peinlicher wirkt es, wenn etwa die Bayerische Bischofskonferenz Militäreinsätze für "moralisch geboten" hält, ja sogar von einer militärischen Strafaktion spricht. Angesichts der blutigen Kirchengeschichte wirkt dies reichlich geschmacklos. Und angesichts der Lehren des Jesus von Nazareth wie ein brutaler Verrat an der wahrhaft christlichen Lehre, der Bergpredigt des Nazareners und des Gebots "Du sollst nicht töten". Doch daran hatten sich die Kirchen noch nie gehalten: Die Bergpredigt galt seit jeher als Utopie und das Morden und Töten war über Jahrhunderte fester Bestandteil kirchlicher Machtpolitik in den Kreuzzügen, bei der Inquisition, bei der gewalttätigen Missionierung der Indianer, um nur einige Beispiele zu nennen.
Der Islam ist ohne Zweifel keine pazifistische Religion; aber die islamistischen Gotteskrieger, die als Selbstmordattentäter dem christlichen Abendland und seinem amerikanischen Abkömmling Angst und Schrecken einjagen, sind letztlich Ausgeburten von 2000 Jahren blutiger Geschichte eines gewalttätigen Kirchenimperiums, das nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und Asien Feindseligkeit säte, die nunmehr als furchtbare Ernte aufgeht. Insofern könnte man in Abwandlung eines auf Präsident Bush gemünzten Satzes der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy sagen: "Osama bin Laden ist das kirchliche Familiengeheimnis, der dunkle Doppelgänger des Papstes".
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